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„Ich fühle mich gejagt“, sagt Brigitta Brix über den Streit mit der Deutschen Bahn, der mittlerweile 24 Briefe umfasst.

Gefangen im Bahn-Wahn

Ein Sonderangebot wollte sie nutzen, ein BahnCard-Abonnement hat sie bekommen. Seit eineinhalb Jahren setzt sich Brigitta Brix gegen die Deutsche Bahn zur Wehr. Der Konzern ist sich keiner Schuld bewusst.

Zum 85. Geburtstag ihrer Mutter wollte Brigitta Brix im Mai 2008 nach Plön in Schleswig-Holstein. Am Münchner Hauptbahnhof fragte sie einen „sehr sympathischen“ Bahnmitarbeiter nach einem Ticket. „Ob ich wirklich den vollen Preis zahlen will oder nicht lieber das Sonderangebot der Bahn zur Fußball-Europameisterschaft nutzen möchte, hat er geantwortet“, erinnert sich die 64-Jährige. Brigitta Brix lebt bescheiden. „Natürlich wollte ich das Angebot nutzen, schließlich kenne ich die Sommer-Sonderangebote der Bahn noch von früher“, sagt die Rentnerin. Voller Vertrauen setzte sie ihre Unterschrift auf ein Formular – wo genau zeigte ihr der Bahnmitarbeiter. „Ich hatte ja noch nicht einmal meine Brille dabei.“ Das viele Kleingedruckte fiel ihr nicht weiter auf.

Das unterschriebene Blatt blieb beim Schalter, Brigitta Brix bekam ihr Ticket – und damit war für sie die Sache erledigt. Ein knappes halbes Jahr später bekommt sie Post von der Deutschen Bahn: „Sehr geehrte Frau Brix, heute erhalten Sie Ihre neue BahnCard 25 (...)“. Die weiß-rote DB-Karte für den Zeitraum 1. November bis 31. Oktober 2009 war aufgeklebt. Einen Tag später trudelt der nächste Brief mit der Rechnung ein. 55 Euro sollte sie in den kommenden 30 Tagen überweisen. „Warum? Ich habe doch nichts bestellt“, hat sich Brigitta Brix gedacht und die Briefe beiseitegelegt. Erst als die zweite Mahnung kommt, reagiert sie: Sie schickt ein Fax samt aller bisher erhaltenen Briefe an den BahnCard-Service: „Widerspruch! Bitte verschonen Sie mich mit Ihren Briefen und Mahnungen. Nie habe ich bei Ihnen eine BahnCard bestellt.“ Die Bahn antwortet nicht.

Sechs Wochen Ruhe, dann kam der nächste Brief

Sechs Wochen ist Ruhe, dann liegt das nächste Schreiben im Briefkasten. Der Absender: ein Frankfurter Inkasso-Unternehmen, das die Forderung im Auftrag der Bahn eintreiben will. Jetzt geht es bereits um 95,15 Euro.

Brigitta Brix setzt handschriftlich zwei Faxe auf. An das Inkasso-Unternehmen schreibt sie, dass sie sich keinen Reim auf das Ganze machen kann, schließlich sei ihr die BahnCard „einfach zugesandt“ worden. An die Service-Abteilung der Bahn samt aller Unterlagen, dass sie die zugesandte Karte nie benutzt habe „und nicht will“. Außerdem bittet sie darum, dass Name und Adresse aus der Kundenkartei gelöscht werden sollten. Die Bahn schweigt weiter.

Zwei Tage später, am 4. Februar, erhält Brigitta Brix einen kurzen Brief der Inkasso-Firma: „(...) eine Stellungnahme zu Ihrer Eingabe ist uns nicht möglich (...)“. Man habe den Vorgang aber zur Auftraggeberin – der DB Vertrieb GmbH – zur Klärung weitergeleitet. Einstweilen seien die Maßnahmen ausgesetzt.

Nun kehrt wieder Ruhe ein – neun Wochen lang. Dann informiert das Inkasso-Unternehmen die Rentnerin, dass die Forderung berechtigt sei. Als Beweis schickt die Firma den am 19. Mai 2008 unterschriebenen Abovertrag. Eine fristgerechte Kündigung der EM-BahnCard hätte nicht vorgelegen. Man habe die Kündigung aber jetzt für den 30. September 2009 vorgemerkt. Darüber hinaus bitte man nun um Ausgleich der Forderung – die beläuft sich mittlerweile auf 96,10 Euro.

Jetzt erst – über ein Jahr später – hält Brigitta Brix zum ersten Mal den Vertrag in Händen und langsam dämmert ihr, wie es zu diesem nervenaufreibenden Hin und Her kommen konnte. Diese Unterschrift am Schalter! „Ich schäme mich, weil mir so etwas passiert ist“, sagt sie. Das vermeintliche Zugfahrt-Ticket, das sie gleich nach der Reise zu ihrer Mutter im Mai weggworfen hatte, war eine vorläufige BahnCard. „Aber das wusste ich doch nicht.“ Ein guter Bekannter hält sie davon ab, einfach zu zahlen, „um endlich wieder Ruhe zu haben“. Er verfasst weitere Briefe für sie. Sieben Schreiben gehen zwischen ihm und der Inkasso-Firma hin und her – im vorletzten drohen die Frankfurter mit einem gerichtlichen Mahnverfahren, im letzten heißt es wieder, eine Stellungnahme sei nicht möglich, man gebe den Sachverhalt zur Aufklärung an die Auftraggeberin ab.

Am 1. Oktober 2009 dann die Überraschung: Ein Schreiben der Deutschen Bahn, die sich seit Dezember 2008 nicht mehr gemeldet hatte. Ist jetzt endlich alles ausgestanden? Brigitta Blix macht den Umschlag auf: Nein! „Wir freuen uns, dass Sie sich für den Kauf einer BahnCard und der damit verbundenen Vorteile entschieden haben. (...) Leider fehlen uns zur Ausführung Ihrer Bestellung noch wichtige Angaben (...)“. Brigitta Brix solle doch bitte noch ein Passfoto schicken. Statt eines Bildes, schickt diese der Service-Abteilung einen wütenden Brief.

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Fünf Tage später bekommt sie die Antwort der Bahn: „Vielen Dank für die Bestellung (...). Anbei erhalten Sie die Rechnung über den Kauf Ihrer BahnCard (...)“. Wieder sind 57 Euro fällig. Wieder schreibt die 64-Jährige zurück: „Ich habe nie eine BahnCard bestellt. Ich brauche keine BahnCard, ich will keine BahnCard und bitte Sie inständig, mich nicht mehr mit neuen Briefen zu belästigen.“

Doch die Deutsche Bahn bleibt dabei, schickt ihr nochmals den rechtsverbindlich unterschriebenen Bestellschein, erklärt die automatische Verlängerung des Abos. Wenige Tage später folgt das nächste Schreiben: „Mit Bedauern haben wir zur Kenntnis genommen, dass Sie Ihr Abonnement der BahnCard kündigen möchten.“ Eigentlich ein Grund zur Freude für Brigitta Blix – doch dann kommt der nächste Satz: „Da wir die Kündigung Ihrer BahnCard bisher noch nicht erhalten haben (...), können wir Ihre Kündigung für die aktuelle Folgekarte leider nicht anerkennen.“ Man vermerke aber gerne die Kündigung zum 31. Oktober 2010.

Kurze Erinnerung: Das Inkasso-Unternehmen hatte im April 2009 geschrieben, dass die Kündigung zum 30. September 2009 vorgemerkt sei. Das hat Brigitta Brix aber nichts gebracht, denn fristgerecht wäre die Kündigung nur gewesen, hätte man sie zum 19. September vorgemerkt – sechs Wochen vor Ablauf der Karte der Folgekarte.

So schreibt nun aber auch das Inkasso-Unternehmen: „Es wurde veranlasst, dass das Abo jetzt zum Ablauf 31. 10. 2010 gekündigt wird.“ Allerdings bestehe die Forderung der DB Vertrieb GmbH in Höhe von insgesamt 98,12 Euro zu Recht. Dieser Brief, vom 10. Dezember, ist der 24. und bislang letzte, der zwischen Deutscher Bahn, Inkasso-Betrieb und Brigitta Brix wechselte. Gezahlt hat sie nicht, weder die 98,12 Euro noch die 57 Euro für die Folgekarte. „Zusammenfassend kann man sagen, dass seitens des BahnCard-Service alles korrekt bearbeitet wurde“ – das teilte die Bahn auf Anfrage unserer Zeitung mit.

von Stefanie Backs

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