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Trennen, was seit 79 Jahren zusammengehört? Politiker fordern, Opel aus dem GM-Verbund herauszulösen.

Opel

Mit gefesseltem Arm gegen die Konkurrenz

Rüsselsheim - Wurde Opel von General Motors ausgesaugt? Oder hängt die deutsche Tochter am Tropf der Konzernmutter aus Detroit? Für beide Versionen finden sich in der 79 Jahre alten Verbindung gute Argumente.

Fast 80 Jahre währt nun die Verbindung zwischen dem deutschen Autobauer Opel und dem US-Konzern General Motors. Oft hat sie sich für beide Seiten als Segen erwiesen. Genauso oft aber hat sich die Dominanz von GM als Fluch geäußert. Ob Opel allein noch lebensfähig wäre, erscheint ungewiss.

Beide Unternehmen sind eng miteinander verwoben. Etwa 80 Prozent des Europageschäfts von GM entfällt auf die Marke Opel. In den deutschen Fabriken laufen neben Opel auch Fahrzeuge der Marke Vauxhall und bald wohl auch Saab vom Band. Dazu kommt, dass Opel für die Entwicklung eine zentrale Rolle spielt. So entwickeln Opel-Ingenieure in Rüsselsheim alle Kompakt- und Mittelklassefahrzeuge für sämtliche GM-Marken weltweit.

Die wechselseitige Abhängigkeit beider Unternehmen erklärt, warum viele Fachleute gegenüber einer staatlichen Bürgschaft für Opel so zurückhaltend sind. „Wir können die Bürgschaft nicht einfach so über den Tisch schieben“, erklärt Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU). „Wir müssen wissen, ob das Geld in Deutschland bleibt oder nach den Strukturen dieses Konzerns möglicherweise abgezogen wird.“

Die Politik, erklärt auch Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Norbert Walter, müsse darauf achten, dass Deutschland nicht Geld „in die Konkursmasse“ überweise. Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer betont, deutsche Kredite für Opel seien sinnlos, wenn nicht der US-amerikanische Senat eine Rettungsaktion für General Motors beschließe. „Ohne US-Hilfe ist jede Hilfe in Deutschland nicht tragbar.“

In Hessen haben sich FDP und Grüne bereits für eine Herauslösung von Opel aus dem GM-Konzern ausgesprochen. Regierungschef Roland Koch (CDU) äußert sich vorsichtiger. Im Internationalen Technischen Entwicklungszentrum von Opel seien mehrere Tausend Ingenieure nicht allein für Opel, sondern für das weltweite Geschäft von GM tätig, erklärt Koch. Dennoch ist auch er dafür, eine „europäische Lösung“ für Opel zu prüfen.

Eine Verselbstständigung von Opel ist nach Dudenhöffers Einschätzung vorstellbar: „Aber es wird unendlich schwierig.“ Viel stärker als noch vor zehn Jahren ist Opel heute in den GM-Konzernverbund integriert. Opel produziert Fahrzeuge, die in den USA unter dem Markennamen Saturn verkauft werden. Dagegen laufen in den USA Opel-Fahrzeuge für den europäischen Markt wie der Sportwagen GT vom Band.

Noch in den frühen 90er-Jahren trat Opel wie ein unabhängiges Unternehmen auf. Der Traditionshersteller durfte als ebenbürtiger Rivale von Volkswagen gelten. Doch während VW zum Schwergewicht wuchs, schrumpfte Opel unter dem Sparkurs der US-Führung zur grauen Maus. „Es sind viele Fehler gemacht worden“, kritisiert Dudenhöffer. Wichtige Modelle wurden nicht gebaut, Qualität und Design vernachlässigt.

Die Marke verlor erst ihren guten Ruf und dann viele Kunden. Der Marktanteil von Opel in Deutschland sackte von 17 Prozent Anfang der 90er-Jahre auf derzeit knapp 10 Prozent. Zu den Problemen trug des Weiteren bei, dass Opel wichtige Absatzmärkte versperrt waren oder sind. So durften lange Zeit keine Opel-Fahrzeuge nach Nordamerika exportiert werden. Auch ist der Wachstumsmarkt China für Opel tabu. Der Rüsselsheimer Hersteller kämpfte gewissermaßen mit einem gefesselten Arm gegen seine Konkurrenten.

Als zu Beginn dieses Jahrzehnts die Probleme bei Opel nicht mehr zu übersehen waren, half General Motors allerdings mit großer Entschlossenheit. „Sie haben viel Geld reingesteckt“, betont Dudenhöffer: „Ohne GM würden die längst nicht mehr leben.“ Als nach 2004 rund ein Drittel der Opel-Belegschaft abgebaut wurde, stellte GM für Abfindungen eine Milliardensumme bereit.

Zudem kurbelte der Konzern die Investitionen an. Ein neues Werk entstand in Rüsselsheim, dazu ein europäisches Designzentrum für alle GM-Marken des Alten Kontinents. Bis 2012 wollte General Motors die gewaltige Summe von neun Milliarden Euro in die deutsche Tochter investieren. Davon sollten allein 6,5 Milliarden Euro in die Entwicklung neuer Modelle und Antriebssysteme fließen. Ob es dazu kommt, muss seit der vergangenen Woche mit Fragezeichen versehen werden.

Guido Rijkhoek

Die Probleme der US-Autobauer

Fast täglich Hiobsbotschaften: Absatzeinbrüche, Produktionskürzungen, Stellenstreichungen, riesige Verluste. Während sich Europäer und Japaner bislang noch halbwegs halten, steht vor allem den US-Autobauern das Wasser bis zum Hals. GM-Chef Rick Wagoner nannte die Krise eine der schwersten in der Geschichte der Autoindustrie.

Nun droht die Insolvenz: Allein GM erlitt in den vergangenen Jahren Verluste im hohen zweistelligen Milliardenbereich. Analysten schätzen, dass GM allein im kommenden Jahr etwa 15 bis 25 Milliarden Dollar braucht. Ohne Hilfe hält den Riesen kaum noch jemand für überlebensfähig.

Probleme schon vor der Finanzkrise: Die Branche kämpfte mit hohen Spritpreisen und Materialkosten, aber auch mit hausgemachten Problemen. Die US-Hersteller, die den Trend zu kleineren, sparsamen Modellen verschlafen hatten, wurden kalt erwischt. Doch die Krise hat die Probleme noch einmal drastisch verschärft.

Deutsche Hersteller nicht immun: Daimler und BMW schockten die Märkte zuletzt mit Gewinnwarnungen und kündigten Produktionskürzungen an. Volkswagen und die Tochter Audi stehen zwar noch etwas besser da, wären aber mit einem möglichen Einbruch in China hart getroffen.

Chance der Deutschen:Deutsche Hersteller haben sparsamere Autos im Angebot und ihre Kosten gesenkt. Sie könnten aus der Krise als Gewinner hervorgehen.

Show-Abstinenz: Ausgerechnet in der miesen Stimmung versammelt sich die Branche diese Woche auf der Los Angeles Auto Show. GM dampfte den Messeauftritt ein. Kein ranghoher Manager lässt sich dort blicken. Im Gegensatz zu den Deutschen, die die Gelegenheit nutzen: BMW und Audi sind mit mehreren Vorstandsmitgliedern vertreten.

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