Geheimsprache der Personal-Chefs: Was Zeugnis-Floskeln bedeuten

- "Er war bei unseren Kunden sehr beliebt." Welcher Außendienstmitarbeiter würde sich diese Beurteilung nicht wünschen. Doch im Geheimcode der Arbeitszeugnisse liest sich diese Eigenschaft des Mitarbeiters weniger positiv. Ein Personal-Chef erkennt darin nämlich: "Er war nicht durchsetzungsstark und machte schnell Zugeständnisse." In der Broschüre "Arbeitszeugnisse" hat die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi viele dieser versteckten Botschaften entschlüsselt.

Ein weiteres Beispiel: "Wir lernten ihn als umgänglichen Kollegen kennen." Lob also für die neuerdings so wichtigen Softskills des ehemaligen Angestellten? Wohl kaum, denn aus der "Umgänglichkeit" lässt sich herauslesen "Er konnte nichts und wir sahen ihn lieber gehen als kommen". Oder: "Im Umgang mit Kollegen und Vorgesetzten zeigte sie durchweg eine erfrischende Offenheit" bedeutet "Sie war frech und hat sich nichts sagen lassen."

Bereits 1960 hat das Bundesarbeitsgericht gefordert, dass das Zeugnis weder durch Wortwahl und Satzstellung noch durch Auslassungen zu Irrtümern und Mehrdeutigkeiten bei Dritten führen darf. Aber wie ist es damit: "Besonders hervorzuheben ist seine Pünktlichkeit." Die Betonung dieser Selbstverständlichkeit gibt Rückschlüsse darauf, dass es in anderen Bereichen erhebliche Mängel gab. Eindeutig mehrdeutig, ebenso wie "Für die Belange seiner/ihrer Mitarbeiter/innen bewies er/sie immer Einfühlungsvermögen". Heißt: "Er/sie war ständig auf der Suche nach Sexualkontakten."

Geheime Botschaften und Beurteilungen, die in einem Zeugnis gemäß Arbeitsrecht nichts zu suchen haben, können aber auch in der äußeren Form des Zeugnisses versteckt sein. Viele Rechtschreibfehler, Verbesserungen, Flecken, Hervorhebungen sowie Ausrufe- und Fragezeichen lassen eine Geringschätzung durch den Arbeitgeber ablesen. Der Verfasser versucht, sich vom buchstäblichen Wortlaut seiner Erklärung zu distanzieren. Gleiches gilt für das Fehlen einer Unterschrift oder einer Unterschrift "in Abwesenheit". Sinnlose oder willkürliche Punkte oder Striche, beispielsweise wiederum bei der Unterschrift, können ebenfalls Geheimzeichen sein.

"Sie erledigte ihre Aufgaben mit der ihr eigenen Sorgfalt."

"Chaos war bei ihr Normalität."

Selbst das Datum kann Bände sprechen. Normalerweise endet das Arbeitsverhältnis mit Ablauf der ordentlichen Kündigungsfrist zum 15. oder zum Ende des Monats. Das Zeugnisdatum muss dementsprechend angepasst werden. Ein abweichendes Datum lässt auf eine fristlose Kündigung rückschließen.

Doch auch zwischen den Zeilen ist manche negative Beurteilung verborgen, indem sie indirekt formuliert wird. "Sein Verhalten gegenüber Kolleginnen und Kollegen war stets einwandfrei." Von Vorgesetzten ist keine Rede. Die Verwendung von Leerstellen ("beredtes Schweigen") bedeutet hier, dass das Verhältnis des Arbeitnehmers zu seinen Vorgesetzten eher problematisch war. Die doppelte Verneinung ("Er war nicht uninteressiert.") verbirgt hinter einem vermeintlichen Lob oftmals eine Rüge.

Neben unzulässigen Floskeln gibt es einige Themen, die im Zeugnis tabu sind. Beispielsweise Abmahnungen, Alkohol- oder sonstige Drogenabhängigkeiten, Krankheiten, Kündigungsgründe, Gewerkschaftsengagement und Ehrenämter.

Dennoch sollte nicht jedes Wort auf die Waagschale gelegt werden. Ein gutes Zeugnis erkennt man grundsätzlich daran, dass es in sich schlüssig ist und keine Widersprüche enthält. Werden Formfehler (Rechtschreibfehler, Flecken) oder verbotene Floskeln entdeckt, kann der Empfänger allerdings ein neues beziehungsweise geändertes Zeugnis verlangen.

Im Internet: www.verdi-arbeitszeugnisberatung.de

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