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Gehirn-Training statt Gaudi-Urlaub

Berlin/ München - Der Urlaub ist den Deutschen heilig. Doch wenn es nach der deutschen Industrie geht, sollen sie die freien Tage opfern, die Zeit sinnvoll nutzen und sich weiterbilden.

Kopfschütteln war noch die harmloseste Reaktion. Der Vorschlag des Hauptgeschäftsführers des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Martin Wansleben, Angestellte sollten doch ihren Urlaub nutzen, um sich fortzubilden - schließlich hätten sie ja mehr als genug davon ­, sorgte für Empörung.

"Der Vorschlag ist schlicht und ergreifend absurd. DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben ist offensichtlich selbst urlaubsreif, wenn er auf solche Ideen kommt", höhnte etwa Werner Dreibus, Arbeitsexperte der Linksfraktion.

Dabei ging es Wansleben um hehre Ziele, nämlich um das gesamtwirtschaftliche Wohl: "Die Arbeitnehmer in Deutschland müssen mehr Ferien- und Freizeit in Weiterbildung investieren", sagte er der "Welt". Dies sei vor dem Hintergrund des drohenden Fachkräftemangels besonders wichtig. Wie sonst sollten es die Angestellten schaffen, den immer höher angesetzten Ansprüchen gerecht zu werden. Er betonte, dass im Bereich der IHK nur rund ein Viertel aller Absolventen einer Ausbildung an einer Weiterbildungsprüfung teilnehmen: "Diese Zahl muss steigen." Aber auf Kosten des Urlaubs?

Die Idee an sich, Qualifizierungen insgesamt zu steigern und zu fördern, begrüßt der SPD-Arbeitsmarktexperte Klaus Brander: "Das kan jedoch nicht auf Kosten des Erholungsurlaubes stattfinden." In Deutschland gebe es eine sehr hohe Produktivität und die Arbeitszeit sei in den vergangenen Jahren nicht gekürzt, sondern verlängert worden. "Daher haben die Beschäftigten Anspruch auf Erholungsurlaub", sagte Brandner. "Im Übrigen machen Weiterbildungsmaßnahmen für erschöpfte Arbeitnehmer keinen Sinn", fügte er hinzu.

Die Mitarbeiter während ihres Urlaubs auf Fortbildungen zu schicken, befremdet auch die Firmen selbst. Sämtliche Angebote seien so gestaffelt, dass "keiner eine Maßnahme während seines Urlaubs besuchen muss", erklärt Allianz-Sprecherin Viktoria Kranz. Aber natürlich sei es "vorteilhaft", wenn sich Mitarbeiter in der Freizeit fortbilden.

Was zwingend notwendig oder sogar vorgeschrieben ist, wird generell während der Arbeitszeit gemacht, der Rest ist Kür. "Seminare zum Geldwäschegesetz müssen schon vom Gesetz her besucht werden", sagt Joachim Fröhler, Sprecher der Stadtsparkasse, aber eine Schulung im Kleiderknigge würde unter die allgemeine Fortbildung fallen und sei damit Teil der Freizeit.

Hintergrund der ganzen Diskussion ist ein EU-Bericht, wonach Arbeitnehmer in Deutschland im Schnitt 40 Urlaubs- und Feiertage im Jahr haben. Nur die Schweden haben im Europa-Vergleich mit 43 Tagen noch länger frei. Der Europa-Durchschnitt liegt bei 33,7 Tagen.

Überdurchschnittlich was die Freizeit angeht - unterdurchschnittlich was die Lernzeit angeht. Tatsächlich sitzen deutsche Angestellte im Schnitt nur neun Stunden im Jahr in Weiterbildungskursen (siehe Tabelle rechts). Zum Vergleich: In Dänemark sind es 22, in Schweden 18, in Polen dagegen vier, in Rumänien nur drei. Auf die verschiedenen Branchen bezogen, zeigt sich, dass im deutschen Baugewerbe mit drei Stunden die wenigste Zeit für Fortbildung genutzt wird, während Angestellte beim Fahrzeugbau (der erfolgreichsten Branche in Deutschland) jedes Jahr 22 Stunden in diversen Kursen sitzen.

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