900 000 mal geholfen: Bayerns Verbraucherschützer im Dauereinsatz

- Seit 1. Januar 2007 ist Marion Breithaupt-Endres Bayerns oberste Konsumentenschützerin: Die 41-jährige Ernährungswissenschaftlerin hat den Vorstand der Verbraucherzentrale Bayern übernommen, die jährlich zehntausende Bürger berät. Mit unserer Zeitung sprach sie über die ersten Tage im Amt, belegte Telefonleitungen und Machtlosigkeit.

Frau Breithaupt-Endres, sind Sie nach 17 Tagen auf Ihrem neuen Posten schon ein wenig frustriert?

Breithaupt-Endres: Überhaupt nicht. Wieso?

Weil die Verbraucherzentrale Bayern mit knapp 70 Mitarbeitern zwölf Millionen bayerische Bürgern versorgen soll.

Breithaupt-Endres: Ich denke nicht, dass wir deswegen machtlos sind, sondern beachtlich schlagkräftig. Aber die Fülle der Aufgaben, die wir bewältigen müssen und möchten, ist in der Tat riesig. Deswegen erleben wir leider täglich, dass die personellen Kapazitäten nicht ausreichen, die Nachfrage nach unserem Beratungsangebot zu befriedigen. Teilbereiche wie die Beratung zu Rechtsfragen, Energiethemen oder Neuen Medien müssten wir eigentlich ausbauen.

Das merken ratsuchende Verbraucher daran, dass bei Ihnen das Telefon ständig belegt ist.

Breithaupt-Endres: Das Problem ist uns bewusst. Gerade in den großen Beratungsstellen in München und Nürnberg gibt es Schwierigkeiten mit der Erreichbarkeit. Deshalb empfehlen wir derzeit, bei den Beratungsstellen in ganz Bayern anzurufen oder eine Anfrage per E-Mail zu stellen. Wir arbeiten an einer Lösung.

Wie wäre es, wenn Verbraucherminister Werner Schnappauf, der für die Finanzierung zuständig ist, zu Ihrem Einstand eine Schippe auf den mickrigen Etat legt und Sie Ihre Mannschaft verstärken?

Breithaupt-Endres: All die Verbraucher, die sich täglich die Finger wund wählen, würden es ihm bestimmt danken. Aber leider ist das momentan nicht absehbar.

In Niedersachsen hat die Landesregierung ihrer Verbraucherzentrale zehn Prozent des Etats gestrichen. Bleiben Ihnen wenigstens die 3,5 Millionen Euro, die Sie seit 2005 jährlich erhalten?

Breithaupt-Endres: Im Vergleich zu anderen Bundesländern haben wir eine stabile institutionelle Förderung. Das heißt, wir können 2007 immerhin auf demselben Niveau weiterarbeiten wie im Vorjahr. Allerdings liegt Bayern bei den Pro-Kopf-Ausgaben für Verbraucherschutz im Bundesvergleich auf den hinteren Plätzen. Eine höhere Förderung wäre also angebracht ­ zumal das Interesse der Bürger ständig zunimmt.

Wie viele haben sich vergangenes Jahr gemeldet?

Breithaupt-Endres: Die Auswertungen laufen noch, aber wir gehen davon aus, dass wir über 900 000 Kontakte hatten. Im Jahr 2005 waren es etwa 896 000.

Gammelfleisch, Energiepreise, Mogelpackungen: Weswegen suchten die Bürger am häufigsten Rat?

Breithaupt-Endres: Rechtsanfragen machen nach wie vor den Hauptteil unserer Beratungen aus. Dabei geht es nicht mehr nur um einfache Handwerkerrechnungen, sondern um wirklich komplexe Geschäfte. Auch der Versicherungsbereich war sehr gefragt, unter anderem Krankenversicherungen wegen des Gezerres um die Gesundheitsreform. Dann gab es die diversen aktuellen Ärgernisse wie Mogelpackungen, Gammelfleisch und steigende Strom- und Gaspreise.

Die Verbraucherzentralen gelten als eine der wenigen Institutionen, die Konsumenten anbieterunabhängig informieren. Was tun Sie, um Ihre Neutralität sicherzustellen?

Breithaupt-Endres: Wir legen sehr viel Wert auf unsere Unabhängigkeit. Wir investieren laufend viel in die Fort- und Weiterbildung unserer Mitarbeiter und stellen auch im Verbund mit anderen Verbraucherzentralen umfangreiche eigene Recherchen an bevor wir Beratungsempfehlungen an die Verbraucher weiter geben.

Die Verbraucherzentrale NRW hat in ihrer finanziellen Not Spenden von der Direktbank ING-Diba angenommen und damit den Nimbus der Unabhängigkeit eingebüßt. Könnten Sie sich Sponsoring für die Verbraucherzentrale Bayern vorstellen?

Breithaupt-Endres: Nein, dafür gibt es keinerlei Pläne.

Vergangenes Jahr sind einige Verbraucherzentralen durch spektakuläre Prozesse aufgefallen. Die Kollegen in Baden-Württemberg haben sich im Streit um Prepaid-Handys gegen O2 durchgesetzt. Die Hamburger legten sich mit Eon wegen der Gaspreise an. Aus Bayern war nichts dergleichen zu hören. Bringen die mehr Klagemut mit?

Breithaupt-Endres: Die Verbraucherzentrale Bayern hatte lange Zeit nicht die erforderliche personelle und finanzielle Ausstattung, um den Klageweg zu beschreiten. Seit 2005 ist es uns aber durch die Projektförderung des Freistaats möglich, vom Verbandsklagerecht Gebrauch zu machen ­ und das haben wir auch schon getan und wir werden es auch weiter tun.

Beispiele, bitte!

Breithaupt-Endres: Wir sind unter anderem gegen Elektronikversender vorgegangen und haben deren kundenunfreundliche Klauseln abgemahnt. Zudem läuft gerade ein Prozess gegen einen Telekommunikationsanbieter, der durch wettbewerbswidrige Werbung aufgefallen ist.

Was dürfen die Konsumenten künftig von Ihnen erwarten?

Breithaupt-Endres: Dass ich den Weg meines Vorgängers fortsetze, der die Verbraucherzentrale Bayern zu einer schlagkräftigen, kompetenten Truppe formiert hat.

Interview: Florian Ernst

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