"Es geht ums Überleben": Auch Epcos verlagert weitere Jobs

- München - Immer mehr Unternehmen verlagern Arbeitsplätze von Deutschland in Niedriglohnländer. Nach der jüngsten Ankündigung von Siemens schickt sich nun der Bauelemente-Hersteller Epcos an, auch hochwertige Jobs nach Asien zu verschieben. Die erhitzte Diskussion über diesen Trend zwischen Politik und Wirtschaft geht weiter.

<P><P>Die Pläne von Epcos bestätigen, dass die Arbeitsplatzverlagerung eine neue Qualität erreicht hat. "Wir werden mehr und mehr Fälle haben, wo selbst die Geschäftsleitung nicht mehr aus Europa geleistet werden kann", sagte der Chef des Unternehmens, Gerhard Pegam, der "Financial Times Deutschland". Schon seit Januar wird die Sparte Unterhaltungselektronik komplett aus Singapur gesteuert. Damit wird deutlich, dass längst nicht mehr nur niedrigqualifizierte Stellen in der Produktion aus Deutschland abwandern. Auch Positionen in der Entwicklung und Führung sind in Bewegung.<P>Der Exodus von Epcos nach Asien ist dramatisch: Im Jahr 2000 beschäftigte die einstige Siemens-Tochter hierzulande noch 3700 Menschen. In drei Jahren sollen es unter 2000 sein. Die Zahl der Jobs in China hingegen hat sich auf 3200 verdoppelt. "Das ist eine Tendenz, die leider unaufhaltbar ist", sagt Pegam. Es gehe ums Überleben. Die Arbeitskosten in China lägen nur bei vier bis fünf Prozent des deutschen Niveaus. Selbst Mehrarbeit oder Lohnverzicht könnten das nicht ausgleichen.<P>Bereits jetzt arbeiteten etwa 70 Prozent der 13 300 Mitarbeiter des Münchner Konzerns in Ländern mit geringen Arbeitskosten. "Ich gehe davon aus, dass es in drei bis fünf Jahren mehr als 80 Prozent sein werden", meint Pegam.<P>Mit seinen Aussagen feuert der Epcos-Chef die Diskussion um die Jobverlagerung deutscher Unternehmen ins Ausland weiter an. Die war vor gut einer Woche vor allem von Siemens losgetreten worden: Der Traditionskonzern schockte die Öffentlichkeit, als er ankündigte, eventuell mehrere tausend Stellen aus Deutschland abzuziehen. Etwa zur gleichen Zeit hatte der Präsident der Deutschen Industrie und Handelskammer (DIHK), Ludwig Georg Braun, Unternehmen geraten, Arbeitsplätzen ins Ausland zu verlagern.<P>Auf diese Äußerung reagierte die Politik empört. Kanzler Gerhard Schröder bezeichnete sie als "unpatriotischen Akt". Vergangenes Wochenende stießen auch andere SPD-Politiker ins gleiche Horn. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse sagte, Unternehmer, die Arbeitsplätze ins Ausland verlagern seien "vaterlandslose Gesellen". Generalsekretär Klaus Uwe Benneter meinte, es gebe bei Unternehmern die Tendenz, "nur die Vorteile dieses Landes zu nutzen, aber einen Beitrag zur Zukunftssicherung des Standortes zu verweigern."<P>Auf Nachfrage unserer Zeitung widersprachen Wirtschaftsvertreter diesen Aussagen. "Um in einer globalisierten Welt erfolgreich zu sein, müssen Unternehmer im Ausland investieren", sagt etwa der Präsident des Bayerischen Industrie- und Handelskammertages Reinhard Dörfler. "Nicht nur um die Märkte zu erschließen, sondern auch um die Kostenvorteile zu nutzen und damit die Nachteile am Standort Deutschland, wie zu hohe Steuern und Lohnnebenkosten ausgleichen zu können." Über Mischkalkulation würden Arbeitsplätze hier gesichert.<P>Ähnlich äußert sich der Chef des Münchner Maschinenbau-Unternehmens Knorr Bremse. "Der Aufbau von Arbeitsplätzen in Niedriglohnländern dient auch der Absicherung von Arbeitsplätzen in Deutschland. Es kommt auf den Mix an", sagt Heinz Hermann Thiele. "Wer sich dieser Erkenntnis verschließt, riskiert viel." Knorr-Bremse beschäftigt rund 70 Prozent seiner Mitarbeiter im Ausland.<P></P>

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