Gekündigte Fröschl-Mitarbeiter lassen Geschäft wieder aufleben

- München - Am Dienstagvormittag kam wieder ein alter Kunde ins Geschäft an der Schwanthalerstraße 29, nahe beim Münchner Hauptbahnhof. Ein Rentner, den Hans Seidling vor zwei Jahrzehnten das erste Mal bedient hat. "Er hat reingeschaut und mich begrüßt", sagt der vollbärtige Verkäufer, Experte für Fernsehgeräte. Fast eineinhalb Jahre hatten sie sich nicht getroffen - und es hatte zunächst so ausgesehen, als ob sie sich nie wieder begegnen würden.

Damals, im Frühjahr 2004, verschwanden alle Fröschl-Geschäfte von der Bildfläche. Der Düsseldorfer Konzern Metro schluckte die bayerische Handelskette für Elektrogeräte und zerlegte sie. Acht der 16 Filialen wurden als Saturn Hansa oder Media Markt fortgeführt; die meisten anderen schlossen - darunter auch das Fröschl-Stammhaus in der Schwanthalerstraße, in dem Hans Seidling 26 Jahre lang Elektrogeräte verkauft hatte.

Der Schock saß tief, aber es sollte weitergehen. Denn einige der Ex-Fröschl-Mitarbeiter nahmen ihre Zukunft selber in die Hand. Allen voran Gerhard Lottermoser, ein langjähriger Kollege von Seidling in der Münchner Filiale. Er gründete nach dem Aus zunächst den Elektro-Reparatur-Service "Frosch König" mit Niederlassungen in der Landeshauptstadt und Weilheim. Und weil in Lottermosers Brust auch immer noch das Verkäufer-Herz klopfte, träumte er davon, auch ein eigenes Elektrogeschäft aufzumachen.

Anfang 2004 zerlegte Metro die bayerische Kette

Einen geeigneten Partner fand er in seinem Freund, dem selbständigen Unternehmensberater und Handelsexperten Bernhard Holtkamp. Dem gefiel Gerhard Lottermosers Idee. Und im Herbst vergangenen Jahres fing er an, ein Konzept für einen "qualifizierten Elektro-Fachhandel" zu schreiben, der in die alten Fröschl-Räumlichkeiten an der Schwanthalerstraße einziehen sollte. Der Ansatz: Ein Geschäft mit Atmosphäre, guter Beratung und ohne Geiz-ist-geil-Mentalität. Denn, so sagt der 51-Jährige: In München gäbe es überwiegend große Elektromärkte, kein Fachgeschäft, bei dem Beratung und Service im Vordergrund stehen.

Fast ein Jahr dauerte es, bis aus der Vision Wirklichkeit wurde. In dieser Zeit wurden nicht nur die alten Räumlichkeiten saniert und die Lieferbedingungen mit den Geräte-Herstellern ausgehandelt. Gerhard Lottermoser stellte auch die 18-köpfige Belegschaft zusammen, wobei er neben Seidling 12 weitere Ex-Fröschl-Mitarbeiter einstellte. "Sehr viel mehr hätten Interesse gehabt", sagt Bernhard Holtkamp. Aber noch werden nicht alle gebraucht.

Am 30. Juli eröffnete die "Münchner Electrowelt", an der unter anderem Lottermoser und Holtkamp beteiligt sind. Fröschl darf das Geschäft nicht heißen, die Rechte besitzt ein niederländisches Unternehmen. Aber an der Fassade, wo früher die Buchstaben angebracht waren, schimmert der alte Name noch immer leicht durch. "Und das bleibt auch so", sagt Holtkamp, der die Geschäftsführung übernommen hat. Der 900-m2-Laden lebt auch von seiner Vergangenheit.

"Fröschl war früher eine Institution", erklärt Barbara Knapp, die schon ihre Einzelhandelslehre bei der Kette machte und jetzt bei der Electrowelt gelandet ist. Die 51-jährige Kassiererin fragt die Kunden hin und wieder, ob sie früher schon bei Fröschl eingekauft haben. Sagen die "Ja", macht sie einen Strich in einer Liste. 128 sind es seit dem 2. August.

Auch Bernhard Holtkamp ist bislang mit dem Geschäft zufrieden. Angst vor Konsumflaute oder Konkurrenz kennt er nicht - auch wenn nur wenige hundert Meter weiter Saturn Hansa auf zwei Etagen mit einem Vielfachen der Verkaufsfläche residiert. "Wir bedienen verschiedene Kundengruppen", sagt er. "Bei uns gibt es keine No-Name-Produkte und Stapelware." Es wird auch nicht mit dem Preis argumentiert, obwohl der "konkurrenzfähig" sei. Dafür hängt Blumenschmuck an der Wand, kriegen Kunden einen Kaffee.

Der Kundschaft wird Kaffee serviert

Das gefällt auch Hans Seidling, der froh ist, wieder an alter Stätte zu arbeiten. "Wir nähern uns gerade wieder an die Kundschaft an", sagt er. So habe sein Stammkunde zwar nichts gekauft - aber versprochen, wiederzukommen.

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