Geld zurück bei Verspätung: Die Bahn kommt in der Gegenwart an

- München - Raum und Zeit sind relativ, sagt Einstein. Frierende Pendler am Bahnsteig wissen das ohnehin: Vor allem, wenn der Raum ziemlich kalt ist, wird die Zeit relativ lang. Für verspätete Züge soll deshalb nun eine eigene Entschädigungsformel gefunden werden. Die neue Relativitätstheorie der Bahn: Fahrpreis = Ticketpreis minus Verspätung. Das soll relativ kundenfreundlich, aber absolut verbindlich werden.

<P>Tatsächlich war die Chance für eine klare Entschädigungsregelung noch nie so gut wie jetzt. Gleich von drei Seiten wird daran gearbeitet, die alte Eisenbahnverkehrsverordnung von 1938 abzulösen. Bundesregierung, Bundesrat und Bahn wollen neue Regeln.<BR><BR>Kunden sollen durch geänderte Allgemeine Geschäftsbedingungen der Bahn ab 1. Oktober 2004 einen Anspruch auf Entschädigung bekommen, wenn ein Zug über 30 Minuten verspätet ist - einklagbar. Von 20 % des Fahrpreises ist die Rede, bei größeren Verspätungen sogar 50 % als Rückerstattung. Bisher waren die Kunden auf Kulanz angewiesen. Ja, es solle künftig einen Rechtsanspruch geben, bestätigte nun ein Bahn-Sprecher unserer Zeitung: "Wir wollen die Kundenrechte erweitern."<BR><BR>Intensiv verhandeln Bahn-Chef Hartmut Mehdorn und Verbraucherministerin Renate Künast in Berlin über Details. Zahlen sind noch nicht bestätigt, wurden aber in diesen Tagen nach einem Treffen zwischen dem Bahn-Vorstand Karl-Friedrich Rausch und Verbraucherschützern genannt. Noch heuer will man sich einigen, heißt es in der Hauptstadt. Man habe "großes Interesse, möglichst bald" eine Lösung zu finden, lässt Künast ausrichten. Ihr Ministerium bastelt daran seit Mai.<BR><BR>Auch der Bundesrat drängelt. Am Freitagnachmittag stimmte die Länderkammer einem bayerischen Vorstoß zu. Der Freistaat mahnte darin den Bund zum Einsatz für Kundenrechte: "Gutes Geld für gute Leistung, weniger Geld für schlechte Leistung." Nur so könne die Bahn Vertrauen zurückgewinnen, sagt Werner Schnappauf, der neue bayerische Verbraucherminister. Der bisherige Zustand sei untragbar: "Nirgendwo sonst im Geschäftsleben wird der Verbraucher bei Leistungsmängeln nur auf Kulanz verwiesen."<BR><BR>Verbraucherschützer und Fahrgastverbände wollen einen Schritt weitergehen und fordern, die Fahrgastrechte im Bürgerlichen Gesetzbuch festzuschreiben. Mit der Frage nach den Fahrpreis-Entschädigungen ist nämlich nicht jedes Problem geklärt. Wer zahlt etwa, wenn der Kunde wegen einer Zugpanne das Flugzeug verpasst? Fraglich ist auch, ob die Regelungen direkt im Nahverkehr angewendet werden könnten.<BR><BR>Kunden und Staat hoffen freilich auch auf Selbstheilungskräfte der neuen Entschädigungsformel: Wenn die Bahn für Verspätungen mehr zahlen muss, steigt auch intern der Druck, pünktlich zu sein. Die Entwicklung der Pünktlichkeit sei nämlich, so nennt es ein Bahnsprecher, "derzeit nicht erfreulich".<BR></P>

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