Geldsorgen in der Zukunftsbranche

Martinsried - Oberbayern ist der wichtigste Standort für die deutsche Biotechnologie-Branche. Die hiesigen Firmen hoffen mit ihren Medikamenten auf erste Markt-Erfolge und wollen zusätzliche Arbeitsplätze schaffen. Doch neue Unternehmen haben es schwer. Es fehlt an Geldgebern.

Die Biotechnologie gilt als Zukunftsbranche. Insbesondere in der Entwicklung von Medikamenten - etwa zur Behandlung verschiedener Krebserkrankungen - liegt die Stärke der Unternehmen. "Bayern ist in Sachen Biotechnologie bundesweit ganz vorne", sagt Horst Domdey von der Standortfördergesellschaft Bio-M. Und hier ist es insbesondere der Großraum München mit dem Vorzeigestandort Martinsried, der für Impulse sorgt.

Die hier angesiedelte Medigene AG hat schon zwei Präparate auf den Markt gebracht. GPC Biotech könnte in den kommenden Wochen die Zulassung für sein erstes Medikament erhalten. Die Firma ist an der Börse über eine Milliarde Dollar wert. Jeder fünfte deutsche Arbeitsplatz in der Branche befindet sich im Großraum München. Die etwa 100 kleinen und mittelgroßen Unternehmen beschäftigen 3200 Menschen - dabei ist etwa die Niederlassung des Pharmakonzerns Roche in Penzberg (Kreis Weilheim-Schongau) mit 4100 Mitarbeitern nicht mitgezählt. Und Domdey sieht bei der Zahl der Arbeitsplätze "einen klaren Trend nach oben". Dennoch hat die Branche Zukunftssorgen.

Die erste Generation der Unternehmen, die zehn Jahre oder älter sind, steht nach dem Auf und Ab von Börsenhysterie und -Panik solide da. Doch der Nachwuchs bleibt aus. Wurden im Boom Ende der 90er noch 20 Biotech-Unternehmen pro Jahr gegründet, waren es 2006 nur drei. "Es gibt hervorragende Geschäftsideen. Trotzdem ist es anscheinend kaum möglich, Unternehmen auf den Weg zu bekommen", beklagt Domdey. Die Gründung selbst sei - auch dank staatlicher Förderung - nicht das größte Problem, sondern die Zeit danach. Die "ersten fünf oder zehn Millionen Euro", die in der Aufbauphase eines Unternehmens fließen sollen, seien nur schwer zu bekommen. Das wäre das klassische Geschäft für Wagniskapitalgeber ("Venture Capital"), doch die scheuen davor zurück - zumindest in Deutschland. Denn in manchem europäischen Nachbarland fließen nach wie vor Investitionen in die Biotech-Branche. Die Folge: "Deutsche Unternehmen hängen am niederländischen Tropf oder holen sich in der Schweiz Geld", sagt Domdey.

Beispiel Affectis: Das 2004 gegründete Münchner Unternehmen entwickelt Präparate, die Patienten mit Depressionen oder Schizophrenie helfen sollen - ein riesiger Markt. Doch deutsche Wagniskapital-Firmen "wollten uns überhaupt nicht mehr finanzieren", berichtet Affectis-Chef Herbert Stadler. Die wichtigsten Geldgeber seines Unternehmens sind zwei niederländische Fonds. Sollte die Entwicklung erfolgreich voranschreiten, plant das Unternehmen im ersten Halbjahr 2009 den Börsengang. Doch der wird "vermutlich nicht in Deutschland" erfolgen, sondern in der Schweiz oder an der US-Technologiebörse Nasdaq. Dort seien mehr Investoren bereit, Geld einzubringen. "Die Bewertungen in Deutschland sind mäßig."

Die an der Gesundheitsbranche interessierten Investorengruppen hätten ihrerseits Probleme, Geld einzusammeln, um es in die Firmen zu stecken, sagt Ludwig Felber von der Investmentbank Viscardi. Dies hänge auch damit zusammen, dass die Branche hierzulande "viele Jahre" hinter dem weit früher aktiven US-Markt liege.

Biotechförderer Domdey hofft auf Finanzriesen. Diese sollten ermutigt werden, sich bei Wagniskapital-Gesellschaften zu engagieren. "Die Allianz, Deutsche Bank oder Münchener Rück investieren nicht in Venture-Capital-Gesellschaften. Das ist das Problem."

Für die Entwicklung der Zukunftsbranche Biotechnologie sind massive Geldzuflüsse unerlässlich, glaubt Domdey. In den vergangenen zwölf Jahren hätten die Unternehmen insgesamt zwei Milliarden Euro an privaten Investitionen hereingeholt. "Wir bräuchten in den nächsten zehn Jahren noch mal eine Milliarde."

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