Gelockerte Vorschriften

TÜV bangt um Sicherheit von Tanklagern

München – Verliert Deutschland seine Vorbild-Funktion bei technischer Sicherheit? Während der TÜV Süd weltweit Erfolge feiert und die deutsche Sicherheitskultur zum Exportschlager macht, hebelt die deutsche Politik in einigen Bereichen seine Arbeit aus.

Wie bereits mehrfach berichtet, wird die jährliche Überprüfung von Aufzugsanlagen – bei der bislang in mehr als der Hälfte der Fälle Mängel festgestellt wurden – künftig gelockert und durch einen zweijährigen Turnus ersetzt. Ein ähnliches Schicksal droht jetzt der unabhängigen Überprüfung von Tanklagern für entzündliche Flüssigkeiten. Anstatt eines unabhängigen Prüf-Unternehmens – etwa des TÜV – soll künftig auch der Betreiber selbst die Anlagen checken dürfen. Karsten Xander, Vorstandsmitglied des TÜV Süd, warnt vor den Folgen: „Für die Menschen in Deutschland wird von Tanklagern, Raffinerien und Aufzügen in Zukunft ein deutlich höheres Risiko ausgehen.“ Denn die unabhängige Prüfung brachte 2013 in 2900 entsprechenden Anlagen, das sind 17 Prozent aller Tanklager in Deutschland, einen oder mehrere Mängel ans Tageslicht.

Ausgerechnet die hohe Zahl von Mängeln dient dabei als Begründung für Änderungsbedarf. Als würde man, weil Bremssysteme in Autos immer wieder versagen, auf den verpflichtenden Einbau von Bremsen künftig verzichten. Xander hofft darauf, dass die Bundesländer über den Bundesrat die Pläne des Bundeswirtschaftsministeriums korrigieren. Zumindest in Bayern spürt er Rückenwind.

Unterdessen schreitet der TÜV Süd bei seiner Internationalisierung voran. Noch arbeiten mehr als die Hälfte seiner 20 000 Mitarbeiter in Deutschland. „2015 wird erstmals die Mehrheit unserer Sachverständigen international tätig sein“, kündigte Vorstandschef Axel Stepken an. Das gilt nicht nur, weil Güter unabhängig davon, aus welchem Teil der Welt sie kommen, in Deutschland strengen Sicherheitsnormen entsprechen müssen. Viele Schwellenländer legen Wert auf steigende Sicherheit von Anlagen und Geräten. So hofft der TÜV Süd mit Sitz in München, seinen Wachstumskurs mit jährlich mindestens 1000 Mitarbeitern fortsetzen zu können. 2013 waren es 1432 zusätzliche Stellen. Der Umsatz ist im vergangenen Jahr um 6,5 Prozent auf 1,94 Milliarden Euro gestiegen. Das Ergebnis vor Zinsen und Ertragssteuern kletterte um 5,1 Prozent auf 171 Millionen Euro.

Ein Kerngeschäft der nur noch drei deutschen TÜV-Organisationen wird in zehn Jahren in ganz Europa zu finden sein: Die periodische Untersuchung von Fahrzeugen wird europaweit harmonisiert. Bernhard Kerscher, Chef von TÜV Süd Auto Service, begrüßte, dass das nicht im Rahmen einer Verordnung, sondern durch eine Richtlinie geschieht. Dadurch können höhere deutsche Standards erhalten bleiben. So wird ein deutsches Auto immer von einem Ingenieur geprüft. In Österreich kann es auch ein Kfz-Meister sein, in anderen Ländern kommen auch angelernte Mitarbeiter zum Zug. Immerhin fordert die EU Mindeststandards und auch eine regelmäßige Weiterbildung der Prüfer.

Die Überprüfung elektronischer Fahrerassistenzsysteme, die es bisher in keinem anderem Land gibt, bleibt in Deutschland erhalten. Umgekehrt können andere Länder bei der Praxis bleiben, dass auch eine Autowerkstatt die regelmäßige Untersuchung durchführen kann. An den EU-Vorgaben kritisiert der TÜV, dass Anhänger bis 3500 Kilogramm auch künftig nicht überall in Europa geprüft werden müssen – und Motorräder erst ab 2022. Ob es jemals eine europaweit gültige Hauptuntersuchungs-Plakette gibt, ist, so Kerscher, noch gar nicht absehbar.

Martin Prem

Rubriklistenbild: © dpa

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