Generationenwechsel bei Schlecker zu spät?

Ehingen/Witten/Friedrichshafen - Nach der Insolvenz der Drogeriekette Schlecker will sich Gründer Anton Schlecker ganz zurückziehen, die Kinder übernehmen. Zu spät?

Vor rund eineinhalb Jahren betraten Meike und Lars Schlecker die Bühne. Sie erhielten zunächst die Verantwortung für einige Bereiche des Drogeriekonzerns, den ihr Vater Anton, heute 67 Jahre alt, 1973 gründete. Dann kam Mitte Januar die Insolvenz. Nun soll alles ganz schnell gehen: Schon im Sommer will sich der frühere Drogeriekönig aus dem strauchelnden Unternehmen zurückziehen.

Hätten die Kinder Schlecker retten können, wenn der Senior ihnen früher die Macht übertragen hätte? Eine Frage, auf die es keine einfache Antwort geben kann. Denn der Generationenwechsel in Familienunternehmen ist ein komplexes Thema. Oft gelingt er problemlos, doch nicht selten treibt das Zögern der älteren Generation oder die mangelnde Erfahrung der jüngeren eine Firma in den Ruin. Nach Schätzungen von Experten sind rund 90 Prozent aller Unternehmen in Deutschland in Familienhand.

Tausende Betriebe müssen in den kommenden Jahren in Deutschland an die nächste Generation übergeben werden - oder eben an jemanden außerhalb der Familie, sagt Tom Rüsen vom Wittener Institut für Familienunternehmen an der dortigen Privatuniversität. “Es gibt zwei Möglichkeiten: Die Gesellschafter-Nachfolge, bei der die Familie eher im Hintergrund bleibt. Oder die operative Nachfolge, bei der jemand wirklich die Tagesgeschäfte führt.“ Gerade die Bereitschaft zur zweiten Art der Nachfolgeregelung scheint aber in Deutschland eher abzunehmen.

“Das ist jedes Mal eine große Herausforderung“, betont auch Reinhard Prügl vom Friedrichshafener Institut für Familienunternehmen (FIF) an der Zeppelin-Universität. Zwar will er den Fall Schlecker nicht direkt kommentieren, weiß aber doch, wie schwierig der Generationenwechsel sein kann. “Es macht sich zuallererst bezahlt, sich eine Übergangsstrategie zu überlegen“, sagt der Wissenschaftler. Denn es gehe nicht nur um Zahlen und Management-Können, sondern auch um “eine Menge Emotionen“.

Den einen Königsweg gebe es nicht. Klassisch sei, dass Unternehmer ihre Kinder langsam selbst ans Geschäft heranführten, sagt Prügl. “Sehr sinnvoll ist es auch, dass sie sich zunächst in einer anderen Firma beweisen, Führungsverantwortung übernehmen, und dann später wieder zurückkommen“, erklärt er. “Das muss nicht mal die gleiche Branche sein, aber es verschafft ihnen Legitimation, wenn sie gezeigt haben, dass sie auch anderswo etwas erreichen.“

Viele deutsche Unternehmen belegen, dass Generationenwechsel gelingen können. Ein ebenfalls aus Schwaben stammender Fall ist etwa der Maschinenbauer Trumpf aus Ditzingen. Hier übernahm 2005 Nicola Leibinger-Kammüller die Geschäftsführung, nachdem ihr Vater Berthold Leibinger mehr als 40 Jahre lang die Zügel in der Hand hatte. Er blieb als Aufsichtsratschef im Unternehmen - das heute unter der Leitung seiner Tochter glänzende Zahlen vorweisen kann.

Doch nicht immer geht es gut - wobei es sehr schwierig zu beurteilen ist, ob rein wirtschaftliche Gründe den Ausschlag gaben oder familiäre Konstellationen ein Unternehmen ins Straucheln bringen, wie sowohl Rüsen als auch Prügl zu bedenken geben. Manche Senior-Chefs klammern sich bis weit ins Rentenalter an “ihre“ Firma und weigern sich, Informationen weiterzugeben und auf neue Trends einzugehen. Und manchmal sind die Kinder eben einfach nicht die besten Manager. Beispiele gibt es zuhauf - etwa den Füllfederproduzenten Pelikan, bei dem sich die Eigentümerfamilie Beindorff immer wieder zerstritt, bis das niedersächsische Unternehmen in die Schweiz verkauft wurde.

“Dass viele Unternehmen so scheinbar geräuschlos sind, muss nicht bedeuten, dass alles reibungslos gelaufen ist“, gibt Prügl zu bedenken. “Gerade kleine und mittelständische Firmen verschwinden manchmal von der Bildfläche, ohne dass jemand davon Notiz nimmt.“ Manchmal falle es gerade Firmengründern schwer, ihre Nachkommen unbefangen zu beurteilen. “Wie sage ich meinem Sohn, dass er nicht geeignet ist, wo ich ihn doch liebe?“ Diese Frage hört Prügl häufiger. Sein Kollege Rüsen rät: “Externe Hilfe, etwa als Moderator, ist sehr sinnvoll. Dann sollte es einen Plan für den Übergang von der einen auf die andere Generation geben, der auch ein Scheitern nicht ausschließt.“

Meike Schlecker hat wie ihr Bruder ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen und stieg dann inmitten der wirtschaftlichen Probleme der Drogeriekette in die Geschäftsführung ein. Beide schafften es, in der kurzen Zeit Akzente zu setzen und mit Zustimmung des Vaters das Unternehmen umzukrempeln. Doch das reichte nicht, um die Insolvenz zu verhindern. Trotzdem möchten die 38-Jährige und ihr zwei Jahre älterer Bruder weiterkämpfen. Sie “jammere“ nicht, sagt Meike Schlecker - auch wenn sie sich bestimmt einen leichteren Einstieg gewünscht hätte.

dpa

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