Gegner trotzdem in Sorge

Genpflanzen: Gibt Monsanto Europa auf?

München - Weltweit wächst der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen. Nur in Europa tun sich die Gentechnik-Konzerne bisher schwer. Gentechnik-Gegner fürchten allerdings, dass Monsanto und Co. doch noch den europäischen Markt erobern könnten – still und leise durch die Hintertür.

Weltweit werden auf mehr als 170 Millionen Hektar gentechnisch veränderte (gv-)Pflanzen angebaut. Das ist knapp fünf Mal die Fläche Deutschlands. Und es werden immer mehr Äcker, seit in den 1990er-Jahren die ersten Gen-Pflänzchen in den USA sprossen. Für die einen sind gentechnisch veränderte Pflanzen die Lösung für den Hunger der Welt – sie sind widerstandsfähig und ertragreich. Für die anderen bergen gv-Pflanzen vor allem eins: Gesundheitsrisiken. Bisher gibt es keine Langzeitstudien, wie sich der Verzehr auf die Gesundheit auswirkt. Gegner sprechen von möglichem Krebs, Unfruchtbarkeit und Missbildungen bei Neugeborenen. Monsanto beteuert, die Produkte seien absolut sicher.

Monsanto zieht Anträge in EU zurück

Bisher fehlt gentechnisch veränderten Lebensmitteln in vielen europäischen Ländern die Akzeptanz – unter den Bauern, aber vor allem unter den Verbrauchern. Die Gentechnik-Konzerne mühen sich seit Jahren ohne nennenswerte Erfolge. Da passte es ins Bild, als Monsanto kürzlich ankündigte, alle laufenden Zulassungsanträge für den Anbau von gv-Pflanzen in der EU zurückzunehmen. Man wolle nicht weiter gegen Windmühlen kämpfen, hieß es. Manche Gentechnik-Gegner jubelten – andere sind nach wie vor skeptisch. Alles Taktik, glauben sie.

„Monsantos Entscheidung ist ein Eingeständnis, dass es sich bei Gentechnik in der Landwirtschaft um eine völlig veraltete und überholte Risiko-Technologie handelt, die die Verbraucher gar nicht wollen“, sagt Dirk Zimmermann, Gentechnik-Experte von Greenpeace. „Monsanto und aufgeben? Niemals!“, meint dagegen Heike Moldenhauer, Leiterin des Bereichs Gentechnikpolitik beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). „Der europäische Markt ist viel zu wichtig.“

Doch von Anfang an: Monsanto ist der weltgrößte kommerzielle Saatguthersteller – und gleichzeitig einer der führenden Pestizidhersteller der Welt. Das Geschäftsmodell ist simpel: Der Konzern züchtet konventionell oder mit Hilfe der Gentechnik neue Pflanzensorten. Diese sind besonders ertragreich oder einfach zu ernten – vor allem aber sind sie unempfindlich gegen Unkrautvernichter, die Monsanto praktischerweise gleich mit anbietet. Insgesamt beherrscht der US-Konzern weltweit rund 90 Prozent des Marktes gentechnisch veränderter Pflanzen. Wettbewerber wie Bayer, Pioneer, Dow, BASF oder Syngenta sind im Gegensatz zu dem Agrarriesen mit Sitz in St. Louis, Missouri, kleine Fische. Monsanto betreibt Niederlassungen in 61 Ländern und verdiente im vergangenen Jahr rund zwei Milliarden Dollar. Das Geschäft floriert – vor allem mit gv-Pflanzen. Das Problem: Der Markt ist vielerorts gesättigt. „Will Monsanto expandieren, muss der Konzern nach Europa“, sagt Moldenhauer.

Die einzige gentechnisch veränderte Pflanze, die bisher zum Anbau in Europa zugelassen wurde, ist Monsantos Genmais MON 810. Nennenswerte Anbauflächen existieren jedoch lediglich in Spanien. Zahlreiche EU-Staaten, darunter Deutschland, Frankreich und Italien, haben den Anbau auf nationaler Ebene verboten. Alle sieben anhängigen Monsanto-Anträge auf Zulassung neuer genetisch veränderter Pflanzensorten will der Konzern jetzt zurücknehmen: fünf für gv-Mais, einen für gv-Zuckerrüben und einen für gv-Sojabohnen.

Von einem völligen Rückzug aus Europa kann allerdings keine Rede sein: Die Rücknahme gilt nicht für den bereits zugelassenen Mais MON 810. Im Bereich der Züchtung und Produktion von konventionellem Saatgut will Monsanto laut Europa-Chef José Manuela Madero sogar künftig investieren. Außerdem sind mehr als 40 Monsanto-Anträge auf Import-Zulassung gentechnisch veränderter Lebensmittel bei der EU anhängig. Der Anbau von gv-Pflanzen innerhalb Europas ist schließlich eine Sache, der Import eine ganz andere.

Angst um Europas Gentechnik-Regeln

BUND-Gentechnikexpertin Moldenhauer vermutet hinter dem Rückzug der Anbau-Anträge geschicktes Taktieren. „Monsanto will vor allem aus der öffentlichen Negativwahrnehmung verschwinden, um dann hinter den Kulissen bei den Verhandlungen um das Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU umso effektiver lobbyieren zu können“, fürchtet sie.

Die Verhandlungen zum geplanten Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA haben Mitte Juli begonnen. Bundeskanzlerin Angela Merkel versicherte bereits im Vorfeld, dass Deutschland an seinen Gentechnik-Standards festhalte. Die Verhandlungen mit den USA würden sicher nicht ganz einfach, räumte sie allerdings ein.

In den USA gibt es praktisch keine Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte Lebensmittel, die Zulassungsverfahren für gv-Pflanzen sind lax. Durch das Freihandelsabkommen sollen Handelshemmnisse abgebaut und Standards angeglichen werden. Gentechnik-Gegner fürchten, dass dadurch die strengen Gentechnik-Regeln der EU aufgeweicht werden – und Monsanto und Co. so einen Freifahrtschein bekommen. Wie begründet diese Angst ist, wird sich im Laufe der Verhandlungen zeigen. Gentechnikgegner werden die Gespräche mit Argusaugen verfolgen.

Manuela Dollinger

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