"Genscher-Pulli" brachte März kein Glück

München - Über 80 Jahre lang behielt die März München AG in der hart umkämpften Textilbranche Oberwasser. Dann brachen die Geschäfte mit hochwertigen Strickwaren ein, der Umsatz ging massiv zurück, die Insolvenz war unausweichlich. Ein mittelständischer Traditionsbetrieb und sein Weg aus der Krise.

Auf den "Genscher-Pulli" angesprochen, verdrehen alle demonstrativ die Augen. "Von diesem Image wollen wir loskommen", macht Tatjana Madzarevic, die Leiterin der Marketingabteilung, deutlich. Der gelbe Woll-Pullover, den der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher zu seinem Markenzeichen machte, stammt tatsächlich aus der Produktion von März. Doch er symbolisiert eine andere Zeit, die Zeit vor der großen Krise. "Strategische Fehlentscheidungen der Führungsabteilung, die eine strukturelle Krise verursacht haben" ­ das habe den Weg in die Insolvenz bereitet, erklärt Stephan Gittel. Er ist Generalbevollmächtigter des Insolvenzverwalters, Markus Prager, und damit seit 2004 der Interims-Chef bei März München.

Gittel sieht sich als Berufs-Visionär, sitzt man ihm gegenüber, trifft man auf gelebten Optimismus. "Keiner strickt länger als wir", heißt es in einer Firmenbroschüre und in der imposanten Vergangenheit des 1920 von Wolfgang und Thea März gegründeten Unternehmens lagen Gittel zufolge auch die Schlüssel für einen Neustart.

Die Familie März habe sehr früh auf hochwertige Technologien gesetzt. Nach Loferl und Füßlingen folgten Trachtenoberbekleidung und dann vor allem Sportpullover. 1956 war März offizieller Ausstatter der deutschen Olympia-Mannschaft, die im italienischen Cortina d'Ampezzo antrat. Und auch eine Expedition zum Himalaja trug Münchner Wollpullis. Die Umsätze stiegen kontinuierlich, zwischen 1979 und 1984 um 135 Prozent und hatten sich bis 1987 mit umgerechnet knapp 43 Millionen Euro verdreifacht.

Ende der 80er-Jahre fing die Krise an, mit finanziellen Verlusten, dem Konkurs eines Tochterunternehmens und der Verlagerung der Produktion nach Ungarn, wodurch 500 Mitarbeiter in Deutschland ihren Arbeitsplatz verloren. Erst 1993 schrieb März wieder schwarze Zahlen.

Das vormalige Unternehmenskonzept hatte sich bewusst gegen den Branchen-Trend gewandt. Man vernachlässigte die schnelllebige Mode nahezu komplett und setzte auf den klassischen Bereich. Und damit produzierte März letztlich an den Kunden vorbei, zählt Gittel die Fehler der damaligen Entscheider auf.

So gab es Mitte der 90er-Jahre ein Grund-Produkt in verschiedenen Farben und Formen. Dieses Konzept wurde wenig später auch auf den Damen-Sektor übertragen. "Betriebswirtschaftlich und funktionstechnisch gesehen war das genial", sagt Gittel, schließlich sanken dadurch Entstehungs- sowie Herstellungskosten und es entstand eine hohe Verlässlichkeit. Aber auf Dauer kostete März dieses Konzept das Geschäft. "Anfangs ging der Umsatz hoch, aber das lag allein an der Erstausstattung", erklärt der 48-Jährige. Aber der Bedarf war schnell gedeckt ­ "was wollen die Kunden auch mit noch mehr ähnlichen Pullis". "So eine Strategie geht nur zwei, drei Jahre gut", meint der erfahrene Manager. Zumal ein März-Produkt zehn Jahre und mehr hält.

Ein weiteres Manko in Gittels Augen: Es gab weder Marketing-Strategien noch Werbemaßnahmen für Endverbraucher, dafür aber eine "Markenverfassung" in der insgesamt 90 Paragrafen das März-Geschäft erklärten und festlegten. Allein diese "Bibel" habe gezählt, alles Weitere ­ neue Ideen etwa ­ sei unerwünscht gewesen.

Positiv sei bei allem Unglück aber gewesen, dass die Insolvenz "rechtzeitig" angemeldet worden war. "Die Marke war noch nicht beschädigt und wir konnten sofort gegensteuern", sagt der Gittel. Ein schneller Verkauf kam nach ersten Analysen des Betriebs nicht in Frage ­ auch wenn viele Schnäppchenjäger in der Branche darauf gehofft hatten.

"Qualität ist der Respekt vor dem Kunden" ­ dieser Satz steht jetzt an oberster Stelle der Unternehmensphilosophie und er stammt nicht etwa von Gittel, sondern vom Firmengründer selbst. "Das Urgen der Marke" werde jetzt wieder mit Leben gefüllt, meint der derzeitige Geschäftsführer. Man produziere nun nicht nur Pullis für jedermann, sondern gehe auf den "modischen Drang" und Kundenwünsche ein.

Dafür gab es Marktanalysen, personelle Veränderungen, die Logistik wurde ausgelagert, Arbeitsprozesse optimiert, das Sortiment erweitert und das Exportgeschäft vorangetrieben. So stieg der Umsatz in den vergangenen drei Jahren um 17 Prozent, die Zahl der Beschäftigten um 32 Prozent.

Und Mitte Dezember stimmten die Gläubiger der Gründung einer Auffanggesellschaft zu. "Ab 1. Januar 2008 sind wir dann wieder ein ordentliches Unternehmen", sagt Gittel. Der Name März München AG bleibt bestehen. Die Chefrolle wird aber mittelfristig wohl ein anderer übernehmen: "Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass uns jemand kauft", sagt Gittel und klingt dabei fast ein bisschen wehmütig. Aber dann sei die Firma alles andere als ein Schnäppchen.

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