"An Gentechnik dürfen wir nicht denken"

München - Traditionell wird in der Bier-Branche Ende September "Brauersilvester" gefeiert. Das vom Kalenderjahr abweichende Brauerjahr hat seinen Ursprung im Mittelalter. Denn als es noch keine künstliche Kühlung gab, durfte nur in der kalten Jahreszeit von Michaeli (29. September) bis Georgi (23. April) gebraut werden.

So begann das Wirtschaftsjahr der Brauer Anfang Oktober mit der Lieferung des frisch geernteten Hopfens und Braugetreides. Und es endete, wenn im September das letzte Fass des stärker eingebrauten -  und damit länger haltbaren -  Bieres aus dem Felsenkeller gerollt wurde. Bis heute ist der 30. September für viele Brauereien Bilanzstichtag. Wir zogen mit dem Präsidenten des Bayerischen Brauerbundes, Michael Weiß, Bilanz und sprachen über Erfolge und Enttäuschungen für die Branche.

- Das Ende des Brauerjahres fällt mit dem Oktoberfest zusammen. Haben Bayerns Brauer heuer Grund zum Feiern?

Wir können uns nicht über ein wahnsinnig tolles Sommerwetter freuen wie im letzten Jahr und wir haben keine Weltmeisterschaft. Insofern schaut es bei den Umsätzen nicht überragend aus. Auf der anderen Seite gibt es durch die deutlich gestiegenen Rohstoffkosten bei Hopfen, Malz und Energie erheblichen Druck. Wir haben also keinen Grund zum Jubilieren.

- Den haben Biertrinker wohl demnächst auch nicht. Der Kostendruck soll zu Preiserhöhungen beim Bier von bis zu 40 Cent pro Kasten führen, verlautet aus der Branche.

Es muss jeder Brauer selbstständig entscheiden, inwieweit er Möglichkeiten hat, die Kostensteigerungen intern zu kompensieren. Aber angesichts der Größenordnung der Kostensteigerung, die so in unserer Branche noch nie da war, wird kaum einer drum herumkommen, innerhalb des nächsten halben Jahres die Preise anzupassen.

- Warum steigen die Rohstoffkosten so immens? Beim Hopfen etwa wird für heuer eine bessere Ernte als 2006 erwartet.

In Ländern wie China oder Russland steigt der Bierkonsum teils deutlich. Angesichts der Bevölkerungszahlen dort bedeutet das eine immense Nachfrage aus Ländern, die Rohstoffe unter anderem bei uns beziehen. In der Folge kann es selbst bei einer ordentlichen Hopfenernte aufgrund der weltweit großen Nachfrage zu erheblichen Preisanstiegen kommen. Ähnlich ist es bei der Gerste. Zudem wurden da die Anbauflächen zugunsten von Energiegetreide zurückgenommen.

- Wären gentechnisch veränderte Pflanzen eine Möglichkeit, zu günstigeren Rohstoffen zu kommen?

Solche Überlegungen gibt es in dem ein oder anderen Kopf. Aber ich muss hier hundertprozentig sagen: Daran dürfen wir nicht denken. Wir müssen in Gottes Namen durch Bezahlen eines ordentlichen Preises für die Braugerste dafür sorgen, dass die Bauern auf ihren Feldern ausreichend Sommergerste anpflanzen und wir gegenüber Energiepflanzen wettbewerbsfähig sind. Der Bauer pflanzt das an, was ihm den besten Ertrag bringt. Wir müssen stärker darauf achten, dass wir den Bauern als wirklicher Partner gegenübertreten -  etwa mit Vorverträgen über mehrere Jahre, die eine Abnahmesicherheit geben. Gentechnik ist überhaupt nicht notwendig.

- Das starke Wachstum von einigen Braumärkten auf der Welt bietet auch Chancen. Können die eher mittelständisch geprägten bayerischen Brauer davon profitieren?

Chancen dazu gibt es auf jeden Fall. In China oder Russland haben wir es mit Massenmärkten zu tun, in denen die weltgrößten Konzerne wie Heineken, Inbev oder SAB vom Mengen- Wachstum profitieren. Ein mittelständischer bayerischer Bräu, der hochqualitativ arbeitet, braucht einen entsprechenden Erlös für sein Bier. Wir haben da Chancen, wo es eine Klientel mit einer gewissen Kennerschaft für Bier gibt und wo Wert auf etwas Besonderes gelegt wird. Da ist etwa Italien ein interessanter Markt oder auch Amerika.

- Hierzulande sind Biermischgetränke -  also Bier mit Limo, Cola oder Fruchtsäften -  sehr erfolgreich. Der Absatz stieg im ersten Halbjahr um über 30 Prozent. Ist das nur eine Modeerscheinung?

Ich glaube, dass die Klassiker in diesem Bereich nicht so schnell verschwinden werden. Radler etwa ist fest etabliert. Bei anderen -  teils exotischen -  Mischungen glaube ich, dass sie sehr modeabhängig sind. Es stürzen sich viele Brauer auf diesen Bereich. Wir selbst bei uns im Haus haben ein Radler und werden definitiv nichts anderes machen, weil sich das mit dem Thema Bier in meinen Augen nicht so verträgt.

Ich richte an die Kollegen immer wieder den Appell, sich auf die eigenen Biere zu konzentrieren. Wir haben in Bayern innerhalb des Reinheitsgebotes 40 verschiedene Sorten, die man brauen kann. Da gibt es so viele Möglichkeiten zur Kreativität, dass es mir lieber wäre, wenn es mehr Konzentration auf den klassischen Bierbereich gäbe als auf die Frage nach noch exotischeren Mischungen.

- Nachdem es eine Übernahme-  und Fusionswelle im Braumarkt gab, die insbesondere durch das Auftreten ausländischer Konzerne ausgelöst wurde, scheint es um dieses Thema jetzt ruhig geworden zu sein. Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?

Ich denke, dass wir noch nicht am Ende der Konsolidierung angelangt sind. Die Ruhe, die wir jetzt spüren, hängt damit zusammen, dass die Gruppen, die sich gebildet haben, sehr komplex sind. Es gibt so viele hausinterne Herausforderungen, dass vorerst die Lust auf weitere Übernahmen vergangen ist.

Ich sehe das insofern positiv, als erkannt wird, dass die Menschen den Marken gegenüber treu sind, die solide arbeiten, hohe Qualität produzieren und menschlich im Umgang mit Mitarbeitern, Lieferanten sowie Kunden sind. Es führt wohl auch zu einer gewissen Frustration bei Konzernunternehmen, dass gerade die Bayern der Vielzahl ihrer heimischen Marken so treu sind.

Das Gespräch führte Dominik Müller.

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