+
Korrupter Landesbanker: Nach seinem Geständnis war klar, dass Gerhard Gribkowsky (2.v.l.) verurteilt werden würde. Daran konnten auch seine Anwälte Dirk Petri, Daniel Amelung und Rainer Brüssow (v.l.) nichts ändern.

Gribkowsky muss ins Gefängnis

Ein Urteil und viele offene Fragen

München - Weil er 44 Millionen Dollar von Formel-1-Boss Bernie Ecclestone angenommen hat, muss der ehemalige BayernLB-Vorstand Gribkowsky für achteinhalb Jahre insGefängnis. Nun muss Ecclestone zittern.

Äußerlich nimmt Gerhard Gribkowsky das Urteil gelassen. Mit ernster Miene, das Kinn auf eine Hand gestützt, hört er dem Vorsitzenden Richter Peter Noll zu. Nur einmal tupft sich der 54-jährige Ex-Landesbanker den Schweiß mit einem weißen Stofftaschentuch von der Stirn. Ob der Schweißausbruch am Strafmaß oder an der schlechten Belüftung des Sitzungssaals A 101 im Münchner Strafjustizzentrum liegt, bleibt unklar.

Achteinhalb Jahre muss Gribkowsky ins Gefängnis, urteilt Richter Noll, weil der ehemalige Risikovorstand der BayernLB 44 Millionen Dollar von Bernie Ecclestone angenommen hat. Im Gegenzug legte er ihm beim Verkauf der Formel 1 durch die Landesbank an den Finanzinvestor CVC Capital Partners keine Steine in den Weg. Über eine ungerechtfertigte Provision von 41 Millionen Dollar hatte Gribkowsky Ecclestone das Bestechungsgeld zuvor selbst zugeschanzt. Den Schaden hatte die BayernLB. Weil Gribkowsky seine Bestechungsmillionen nicht versteuert hat, verurteilen ihn die Richter wegen Bestechlichkeit, Untreue und Steuerhinterziehung.

Ecclestones Auftritt vor dem Landgericht München

Das Urteil ist keine Überraschung, nachdem sich Gribkowsky vor einer Woche nach 45 Verhandlungstagen doch noch zu einem Geständnis durchgerungen hatte. Doch fraglich war das Strafmaß. Staatsanwalt Christoph Rodler fordert gestern in seinem Plädoyer zehneinhalb Jahre Haft. Gribkowskys Münchner Verteidiger Daniel Amelung greift den Ermittler dafür scharf an. „Sie fordern über zehn Jahre“, sagt er in Richtung des Staatsanwalts. „Das hat Biss, das ist knackig, aber gegen Ecclestone haben Sie keinen Biss gezeigt, da haben Sie nicht mal die dritten Zähne eingesetzt.“ Er frage sich, „warum hier nur einer auf der Anklagebank saß“. Zur Bestechung gehöre immer auch einer, der zahlt, und die Ermittler seien schon vor dem Prozess der Überzeugung gewesen, dass der Formel-1-Boss der Bestecher war. Er habe den Verdacht, „man hatte Angst – Angst vor Herrn Ecclestone, seiner Position, seinem Vermögen“.

Dass der Verdacht nicht unbegründet sein könnte, zeigt sich nach dem Prozess. „Das Urteil gegen Herrn Gribkowsky bedeutet nicht, dass automatisch eine Anklage gegen Herrn Ecclestone folgen muss“, rudert der Sprecher der Staatsanwaltschaft Thomas Steinkraus-Koch schon zurück. Es handle sich um ein eigenständiges Ermittlungsverfahren, „das noch eine Weile andauern wird“.

Richter Noll macht klar, dass es in diesem Prozess vorrangig um die Rolle von Gribkowsky ging. „Wir haben hier nicht zu urteilen über eventuelle Verantwortlichkeiten in der Politik, bei der Landesbank oder von Herrn Ecclestone“, sagt Noll. Auch Gribkowsky will sich nicht hinter dem Chef der Rennserie verstecken. „Heute würde man gern die Zeit zurückdrehen – das geht nun mal nicht“, sagt er in seinem Schlusswort. „Am Ende des Tages ist mir aber wurscht, wie die Welt Ecclestone tickt. Ich habe ja gesagt, dazu muss ich stehen.“
Noll hält dem Ex-Banker das zugute. „Das letzte Wort war mannhaft“, sagt der Richter. Auch das Geständnis sei nicht rein taktisch gewesen. „Es war nach unserem Dafürhalten offen und ehrlich.“ Das habe das Gericht strafmildernd gewertet – ebenso wie die Rolle von Ecclestone. „Wir gehen davon aus, dass die treibende Kraft Herr Ecclestone war“, sagt Noll. Mit „seinem Charme“ habe der Formel-1-Boss „den Angeklagten ins Verbrechen geführt“.
Gribkowsky habe sich zunächst sogar „sehr erfolgreich ans Werk gemacht und sich für seinen Arbeitgeber in die Bresche geworfen“. Dafür habe er sich mit Ecclestone, „dem heimlichen Eigentümer der Formel 1“ angelegt. Der sei eigentlich „nur Gutsverwalter und nicht Gutsbesitzer“. Geschickt habe Ecclestone es dann verstanden, über eine angebliche Beratertätigkeit Gribkowsky auf seine Seite zu ziehen. „Die Art, wie das angeleiert wird, ist durchaus typisch für Korruptionsdelikte“, sagt Noll, der als Richter der Wirtschaftsstrafkammer schon einige Schmiergeldverfahren hinter sich hat. Trotzdem habe Gribkowsky auch eine „relativ hohe kriminelle Energie“ gezeigt, als er versuchte, die Bestechung zu verschleiern.
Richter Noll spricht auch eine der vielen noch offenen Fragen dieser Schmiergeldaffäre in seinem Urteil an: die Rolle des Finanzinvestors CVC, der die Formel 1 von der BayernLB gekauft – und inzwischen für das Sechsfache teilweise wieder weiterverkauft hat. „Oh Wunder, kurz nach der Einigung mit Herrn Ecclestone taucht der Käufer CVC auf“, sagt Noll. „Das werden wir nicht mehr aufklären können, wie es dazu genau kam.“ Auch Gribkowskys Verteidiger Rainer Brüssow hatte diese Frage aufgeworfen. „Wer steht hinter CVC, wer hat die Zügel in der Hand?“ Es klingt der Verdacht durch, Ecclestone selbst könnte seine Finger im Spiel haben. Zumindest sei es erstaunlich, dass trotz der angeblich unsicheren Lage der Formel 1 plötzlich jemand auftaucht, der bereit ist, Milliarden zu zahlen. Ob gegen CVC-Chef Donald Mackenzie ermittelt wird, kann Staatsanwalt Steinkraus-Koch auf Nachfrage nicht beantworten

Für Gribkowsky ist das nur noch von geringer Bedeutung. Wie lange er tatsächlich in Haft bleiben muss, hängt auch davon ab, ob er die Millionen freiwillig herausrückt. Denn obwohl nun sowohl der BayernLB als auch dem Finanzamt Millionen zustehen, bereitet es deren Juristen größte Schwierigkeiten, an das in einer österreichischen Stiftung versteckte Geld heranzukommen. „Der Angeklagte hat nicht nur das Geld in einen Tresor gepackt und den Schlüssel weggeworfen, er klagt jetzt auch noch dagegen, dass man danach sucht“, sagt Noll. Er habe zwar nicht darüber zu entscheiden, doch ein teilweiser Straferlass werde davon abhängen, ob Gribkowsky den Widerstand aufgibt. Zunächst muss der Landesbanker aber nun entscheiden, ob er Revision gegen das Urteil einlegt – verzichten wollte darauf gestern weder der Staatsanwalt noch die Verteidiger.

Philipp Vetter

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Fehlendes Bauteil stoppt Produktion in mehreren BMW-Werken
Kleine Ursache, große Wirkung - in den durchgetakteten Produktionssystemen der großen Autohersteller reicht schon ein fehlendes Bauteil, um die Bänder zu stoppen. Bei …
Fehlendes Bauteil stoppt Produktion in mehreren BMW-Werken
Ex-Arcandor-Chef zieht Antrag auf Haftverkürzung zurück
Berlin/Essen (dpa) - Der wegen Anstifung zur Untreue angeklagte frühere Arcandor-Chef Thomas Middelhoff zieht seinen Antrag auf Haftverkürzung zurück. Das sagte seine …
Ex-Arcandor-Chef zieht Antrag auf Haftverkürzung zurück
Bahn-Baustellen sollen Fahrgäste seltener ausbremsen
Mit Rekord-Investitionen steckt die Deutsche Bahn Milliarden in das Eisenbahnnetz. Doch ihre Konkurrenten murren. Sie wollen weniger Vollsperrungen. Und mehr Mitsprache.
Bahn-Baustellen sollen Fahrgäste seltener ausbremsen
Flixbus: Wohl keine höheren Ticketpreise
Berlin/München (dpa) - Kunden des größten deutschen Fernbus-Anbieters Flixbus müssen in diesem Jahr wohl nicht mit höheren Preisen für Tickets rechnen. Generell seien …
Flixbus: Wohl keine höheren Ticketpreise

Kommentare