Gersters verschwundene Millionen

- München - In Deutschland sind 4,18 Millionen Menschen arbeitslos. Vielleicht auch 5,01 Millionen. Oder 5,48 Millionen. Wahrscheinlich aber noch mehr. Sicher ist nur, dass die Erwerbslosenzahlen im November neue Sechs-Jahres-Rekordmarken erreicht haben. Das ist selbst den getrimmten Statistiken der Behörden zu entnehmen.

<P>Die 4,18-Millionen-Zahl gibt die Bundesanstalt für Arbeit (BA) an. Aussagekräftig ist das nicht, denn die tatsächlichen Werte liegen weit darüber. Immer mehr Menschen werden aus der Statistik gestrichen, obwohl sie keinen neuen Job gefunden haben. Nicht gezählt wird, wer mit Schnupfen im Bett liegt, eine Lehrstelle sucht oder als Arbeitsloser eine geförderte Weiterbildung besucht, wer mehr als 15 Stunden pro Woche arbeitet oder schlicht vergessen hat, auf dem Amt sein Gesuch zu verlängern.<BR><BR>Allein aus letzterem Grund seien heuer schon 826 000 Erwerbslose aus der Statistik gefallen, bestätigt die Bundesanstalt. Weitere 476 000 flogen raus, weil sie angeblich nicht aktiv einen Job suchten. "Die Arbeitsämter drängen Erwerbslose verstärkt aus der Statistik", sagt Martin Künkler von der Koordinierungsstelle gewerkschaftlicher Arbeitslosengruppen. Durch "unfaire Methoden" werde die Statistik geschönt. </P><P>Jeder Vergleich zum Vorjahr hinke, erklären selbst die Wirtschaftsforscher im Münchner Ifo-Institut.<BR>"Die Statistik wird gezielt verzerrt", klagt auch Bayerns Wirtschaftsminister Otto Wiesheu (CSU): "In Wirklichkeit hält der Abbau von Arbeitsplätzen in Deutschland ungebrochen an." Die jüngste Statistik verrät, dass die Zahl der Erwerbstätigen um 182 000 auf 38,41 Millionen gesunken ist. Auch die Zahl der freien Stellen schrumpft.<BR><BR>BA-Chef Florian Gerster verteidigt die Bereinigung der Statistik und wedelt mit dem Gesetz. Ein Fall für die Statistik ist demnach nur, wer "von jetzt auf heute eine Arbeit aufnehmen kann". Klagen über angebliche Schikanen der Ämter weist er zurück. In Großbritannien etwa seien die Meldepflichten noch enger. Statt wie in Deutschland alle drei Monate müsse man sich dort 14-tägig auf dem Amt melden. Wer also hierzulande einen Termin auf Gersters Ämtern versäumt, sei nicht ernsthaft an einer Arbeit interessiert, heißt es im BA-Vorstand.<BR><BR>Oder hatte einfach Pech. Arbeitslosen-Initiativen berichten von Daumenschrauben-Politik der Ämter. So würden Erwerbslose gezielt an Brückentagen zu Terminen geladen. Wer sich unangemeldet in den Urlaub verabschiedet hat, läuft eben auf.<BR><BR>"Wir bekämpfen die Arbeitslosigkeit, nicht die Arbeitslosen."<BR>BA-Vorstand Heinrich Alt</P><P>Andere erwartet direkt nach ihrer Rückkehr aus angemeldeten Ferien ein Brief mit der Aufforderung, sofort ins Amt zu kommen. Wer nicht gleich in den Briefkasten geschaut hat, sondern erst den Koffer auspackt, muss mit Sperrzeiten bei der "Stütze" rechnen.<BR><BR>Ob und wie sehr sich die verstärkten Vermittlungsbemühungen der Ämter auswirken, ist den Statistiken kaum seriös zu entnehmen. Als sicher gilt, dass die Ich-AGs Jobs schaffen, die Personal-Service-Agenturen bisher kaum. "Eine relativ günstige Entwicklung", sieht Gerster insgesamt. Jahreszeitlich bereinigt seien die Zahlen ja gesunken. Die Werte sind Auslegungssache, doch fest steht zum Winterbeginn: Das Klima in den Ämtern ist rauer geworden.<BR></P>

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