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Die Akupunktur zahlt die Kasse nur bei Rücken- und Knieschmerzen, wer sie beispielsweise gegen Migräne einsetzen will, muss die Kosten selbst tragen.

Gesetz soll für besssere Information sorgen

Das Geschäft mit Zusatzleistungen

Rund 1,5 Milliarden Euro geben deutsche Patienten für Behandlungen aus, die die Kassen nicht bezahlen. Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner kritisiert, dass sie dabei oft nicht richtig informiert würden. Ein Gesetz soll nun helfen.

Es ist eine Entscheidung, vor der immer mehr Patienten stehen, die bei einer gesetzlichen Krankenkasse versichert sind: Ist diese Vorsorgeuntersuchung sinnvoll, obwohl ich sie selbst zahlen muss? Sollte ich einer Zahnreinigung zustimmen oder ist sie ihr Geld nicht wert? Brauche ich diese Impfung wirklich?

Mehr als 21 Millionen Behandlungen, die die gesetzlichen Krankenkassen nicht bezahlen, sogenannte Individuelle Gesundheitsleistungen – kurz IGeL –, haben Patienten vergangenes Jahr in Anspruch genommen. Der Anteil der Patienten, die einen Teil ihrer Behandlung selbst bezahlen, stieg zwischen 2006 und 2011 laut Bundesverbraucherschutzministerium von 19 auf 24 Prozent. Ein gutes Geschäft: Rund 1,5 Milliarden Euro setzen die Ärzte damit inzwischen um.

Eine Studie im Auftrag von Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU), die gestern in Berlin vorgestellt wurde, hat ergeben, dass die Patienten oft nicht richtig über Kosten, Nutzen und Alternativen der Behandlungen informiert werden. „Es gibt Licht und Schatten“, sagte Aigner. „Vielfach mangelt es an Transparenz und Aussagekraft bei den Informationen.“ Insbesondere die Broschüren, die in Arztpraxen über die Selbstzahler-Maßnahmen informieren, seien „vielfach sehr oberflächlich“, sagte der Leiter der Studie Torsten Fürstenberg. Allerdings sei die Untersuchung nicht repräsentativ gewesen, man habe lediglich die Unterlagen aus 50 Berliner Arztpraxen untersucht.

Aigner riet Patienten, „kritische Fragen zu stellen“ und sich Zeit für die Entscheidungen zu lassen. Sie würde lieber die Praxis noch einmal verlassen, sich unabhängig informieren und dann eventuell einen weiteren Termin für die Behandlung vereinbaren, sagte die Ministerin. Doch dabei soll es nicht bleiben: Aigner will im Patientenrechtegesetz, das derzeit beraten wird, auch die Selbstzahler-Leistungen regeln. Insbesondere solle darin eine schon jetzt geltende, aber oft nicht eingehaltene Regel verankert werden: Eigentlich darf der Arzt eine Zusatzleistung nicht aktiv anbieten und aufdrängen, sondern der Patient muss sie ausdrücklich verlangen. Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung Wolfgang Zöller (CSU) sagte, es sei geplant, dass der Patient die Rechnung nicht begleichen müsse, wenn er vom Arzt zu einer Zusatzbehandlung gedrängt wurde.

Zöller sagte, es gebe derzeit möglicherweise „viel zu viele Informationen“ zu den Selbstzahler-Behandlungen. Das verwirre Patienten. „Vor allem sind sehr viele interessengeleitete Informationen im Markt.“ Man könnte gelegentlich den Eindruck bekommen, die Abkürzung IGeL stehe für „Irgendwie geldeinbringende Leistung“, sagte Zöller. Zwar sei seiner Meinung nach der Großteil der angebotenen Behandlungen weder notwendig noch sinnvoll. Ein „Totalverbot“ der Zusatzleistungen sei aber dennoch nicht sinnvoll. „Reiseimpfungen sind zum Beispiel sinnvoll, nur werden sie nicht von der Solidargemeinschaft bezahlt.“

Aber nicht nur die Ärzte haben ein Interesse daran, die Informationen über die Zusatzleistungen zu ihren Gunsten zu gestalten. Auch die Krankenkassen müssen versuchen darzustellen, dass es sich bei den Behandlungen nicht um notwendige Maßnahmen handelt, da sie sonst in den Katalog der Kassenleistungen aufgenommen werden müssten.

Trotzdem empfehlen Zöller und Aigner zur Information insbesondere die Internetseite des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS). Unter www.igel-monitor.de werden die wichtigsten der inzwischen über 350 verschiedenen Zusatzleistungen beschrieben und ihre Wirksamkeit bewertet. Einige Beispiele:

Akupunktur

Zur Behandlung von Knie- und Rückenschmerzen ist die Akupunktur inzwischen anerkannt und eine Leistung, die die Kasse bezahlt. Wer sie gegen Migräne einsetzen will, muss die Kosten selbst tragen. Der MDS bewertet die Methode „tendenziell positiv“. Studien hätten gezeigt, dass die Nadeln genauso gut wirken wie Medikamente.

Bach-Blütentherapie

Die Bewertung der Wirkung durch die Krankenkassen lautet „unklar“. Untersuchungen hätten ergeben, dass die Therapie nicht besser wirke als eine Scheintherapie – sie schade in der Regel aber auch nicht, wenn man dafür nicht auf sinnvolle andere Behandlungen verzichte.

Grüner-Star- Erkennung

Eine oft empfohlene Messung des Augeninnendrucks ist laut des Igel-Monitors keine zuverlässige Methode, um den Grauen Star frühzeitig zu erkennen. Studien hätten sogar Nebenwirkungen der Untersuchung ergeben, das Urteil: „tendenziell negativ“.

Reiseimpfungen

Impfungen für Reisen in Länder mit speziellen Risiken sind per Gesetz aus dem Leistungskatalog der Kassen ausgeschlossen – unabhängig davon, ob sie sinnvoll wären.

Zahnreinigung

Die Wirkung professioneller Zahnreinigung ist laut MDS angeblich ebenfalls „unklar“. Es gebe schlicht keine echten Studien zum Nutzen der Behandlung. Allerdings seien auch keine Schäden zu erwarten.

Philipp Vetter

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