Gewinneinbruch: Frostige Stimmung bei Siemens-Aktionären

- München - Bei seiner ersten Hauptversammlung als Siemens-Chef erlebt Klaus Kleinfeld einen frostigen Empfang. Sein Sanierungskurs wird als weitgehend wirkungslos, halbherzig und wenig visionär kritisiert.

Kleinfelds Sanierungsschritte wurden vor 10 000 Anteilseignern teils heftig kritisiert. "Werden wir es jemals schaffen?", fragte eine Aktionärsvertreterin skeptisch zu den Sanierungsversuchen beim konzerninternen IT-Dienstleister SBS und vor allem der hartnäckigen Ertragsschwäche im großen Geschäftsbereich Communications (Com).

Einzelne Großaktionäre haben den Glauben daran verloren. Siemens müsse eine Abspaltung des Com-Bereichs, der fast ein Viertel aller Umsätze beisteuert, in Erwägung ziehen, riet ein Sprecher von DWS, der Fondsgesellschaft der Deutschen Bank, die viele Siemens-Aktien hält. Ein anderer Aktionär kritisierte das jüngste Abstoßen der Handy-Sparte als "peinlich". Kleinfelds Wirken dürfe sich nicht darin erschöpfen, abgewirtschaftete Bereiche abzugeben und dann profitable Firmen neu ins Portfolio aufzunehmen, rügte ein Eigner und verlangte echte Reformen. Der Konzern brauche einen "Macher und nicht Lobbyisten in eigener Sache". Kleinfelds Schicksal bei Siemens sei an das Erreichen geplanter Zielrenditen geknüpft. "2006 ist das Jahr der Entscheidung", mahnte eine Aktionärin.

Auch Belegschaftsaktionäre gingen mit ihrem Chef hart ins Gericht. "Zerschlagung von Geschäftsbereichen, Handy-Sparte inklusive Mitgift verschenkt, ohne Visionen", bilanzierte ein Personalvertreter. Während die Dividende für Eigner trotz Gewinnrückgang steigt, werde die Mitarbeiterbeteiligung reduziert. Siemens sei einseitig auf die Börse fixiert.

Kleinfeld verteidigte indessen Strategie und Sanierungskurs. Zum Abstoßen des Handygeschäfts habe es keine Alternative gegeben, da es Milliarden Euro gekostet und Jahre gedauert hätte, das Geschäft selbst wieder auf Vordermann zu bringen. Bei den anderen Krisenbereichen benötige Siemens noch etwas Zeit, sei aber auf gutem Weg, bis Mitte 2007 die angepeilten Zielrenditen zu erreichen. Einen Kahlschlag in Deutschland werde es dabei nicht geben, betonte Kleinfeld. Siemens beschäftige hierzulande stabil 165 000 Frauen und Männer, rund ein Drittel des gesamten Personals von 468 000 Beschäftigten. 2400 Stellen seien allein in Deutschland derzeit offen und Siemens auf der Suche nach passendem Personal.

Andererseits setzen die Münchner bei den Sorgenkindern Com und SBS auf freiwilligen Personalabbau angeregt durch Abfindungen. Allein bei SBS wollen nun 1300 Beschäftigte im Inland gehen. Geplant sind hier 2400 Stellenstreichungen. Bei Com geben angeblich 1200 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz auf. Ob das dem Management reicht, sagt Siemens nicht. 4500 Beschäftigten seien dort Aufhebungsverträge angeboten worden, sagen Mitarbeitervertreter.

Kleinfeld sieht sich indessen durch den Start ins Geschäftsjahr 2005/06, das Anfang Oktober endet, bestätigt. Das gelte trotz sinkender Gewinne und 350 Millionen Euro Sanierungskosten im Auftaktquartal. Allein die Krisensparte SBS belastete aber mit 229 Millionen Euro Betriebsverlust. Parallel zum Verfall des gesamten Quartalsgewinns nach Steuern um ein Fünftel auf 813 Millionen Euro seien aber die Umsätze um gut ein Fünftel auf 21 Milliarden Euro und die Auftragseingänge um ein Drittel auf 27 Milliarden Euro gestiegen, betonte Kleinfeld. Vor allem durch unüblich viele Großaufträge und in China wachse Siemens kräftig.

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