Goldgräber und Geldvernichter: Vor 10 Jahren startete Neuer Markt

- München - Viele Aktionäre denken mit Grausen an ihn zurück: Der Neue Markt startete vor zehn Jahren mit großen Erwartungen und Goldgräberstimmung und endete wenig später als "Kapitalvernichtungsmaschine". Die New Economy wurde zum Sinnbild für die Sprunghaftigkeit der Börsen und schreckt bis heute viele Anleger vor erneutem Aktienkauf ab.

Am 10. März 1997 knallten auf dem Frankfurter Parkett die Korken: Der Mobilfunkanbieter Mobilcom wagte sich als Erster an den Neuen Markt. Das Ziel des Börsensegments: Rasch wachsende Mittelständler - besonders aus den Branchen Umwelttechnik, Telekommunikation, Biotechnologie und Multimedia - sollten sich besser mit Risikokapital versorgen können.

"Durch den Börsengang konnten wir erst die Story Mobilcom schreiben. Ich würde ein solches Wachstumsunternehmen jederzeit wieder an die Börse bringen", sagt Ex-Mobilcom-Chef Gerhard Schmid rückblickend. Mobilcom steigerte den Unternehmenswert im ersten Börsenjahr um 2800 Prozent. In der New-Economy-Euphorie hielten Banker, Aktionäre und Journalisten den Neuen Markt lange für eine unerschöpfliche Goldgrube.

Doch nie gesehene Kursrallyes brachten den Neuen Markt schon bald nach seiner Gründung als "Zockermarkt" in Verruf.

Aufgeblasene Bilanzen, Insiderhandel und Kursbetrug gaben ihm den Rest. So hatte der Münchner Telematik-Spezialist Comroad fast seine gesamten Umsätze erfunden, die Brüder Haffa - einst als Millionärsmacher gefeiert - mussten eingestehen, dass die Bilanzen ihrer Medienfirma EM.TV nicht stimmten, und landeten vor Gericht.

Im März 2002 räumte sogar der damalige Börsenchef Werner Seifert ein, es habe am Neuen Markt "kriminelle Machenschaften" gegeben. Börsenmanager Rainer Riess bekräftigt: "In einigen Fällen verhielten sich Manager gesetzeswidrig und unethisch." Immer länger wurde die Liste der geschassten Börsenstarter - mit so kunstvollen Namen wie "FortuneCity.com", "InfoGenie", "e.multi" und "LetsBuyIt.com". Der Auswahlindex der Wachstumsbörse, der Nemax 50, brach von Rekordständen von fast 10 000 Punkten zwischenzeitlich auf nur noch einige hundert Punkte ein. Die Spekulationsblase platzte, binnen weniger Monate stürzte das Börsenbarometer 2000/2001 ab.

"Wir haben immer auf die höheren Risiken des Neuen Marktes für Privatanleger hingewiesen", betont der Chef des Deutschen Aktieninstituts, Rüdiger von Rosen. Der Bonner Finanzwirtschaftler Erik Theissen ist überzeugt: "An den Regeln hat es nicht gelegen, die waren strenger als in anderen Segmenten." Doch der Neue Markt sei in eine Zeit geraten, "in der die Aktienbewertung insgesamt etwas aus den Fugen geraten war". Manches andere auch, wie Mobilcom-Gründer Schmid meint: "Die Banken haben doch damals jeden an die Börse gebracht, der einen ambitionierten Geschäftsplan vorgelegt und dabei das Wort ,Internet’ richtig geschrieben hat."

Trotz aller Kritik gibt es auch fast vier Jahre nach dem Aus für das Börsensegment noch immer Rufe nach seiner Wiederbelebung. Viele Experten meinen, die Idee des Neuen Marktes, jungen Unternehmen an der Börse Geld zu verschaffen, habe eine zweite Chance verdient.

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