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Jeans, offenes Hemd, weiße Turnschuhe – der Österreicher Stefan Tweraser (41) spiegelt das locker-legere Auftreten der US-Internet-Branche wider. Seit 2008 ist Tweraser der Chef von Google-Deutschland. Er hat drei Kinder und lebt in Hamburg.

Google-Chef: "Die Konkurrenz ist nur einen Klick entfernt"

München - Mittelständische Unternehmen haben im Internet noch viel ungenutztes Potential. Stefan Tweraser, Chef von Google Deutschland, erklärt im Interview die Vorzüge der Web-Welt und warum der Stammtisch heute Internet heißt:

Google ist auf Deutschland-Tour – diesmal sollen nicht Straßen und Häuser per Kamera eingefangen, sondern mittelständische Unternehmen per Workshops von den Vorzügen der Web-Welt überzeugt werden. „Online Motor Deutschland“ heißt die Kampagne des Internet-Riesen und Partnern aus Politik und Wirtschaft. Die Auftaktveranstaltung fand in München statt – und wir sprachen bei einem Spaziergang hoch auf den Olympiaberg mit Stefan Tweraser. Der 41-Jährige ist der Chef von Google in Deutschland.

Herr Tweraser, Google startet eine Initiative, um den Mittelstand ins Netz zu locken. Haben kleine und mittlere Betriebe Berührungsängste?

Nein, Berührungsängste sind das nicht. Wir sehen zwar einen Nachholbedarf, aber das liegt mehr an der Frage der Prioritäten. Als Schlosser oder Bäcker hat man bislang ganz klar andere Sorgen gehabt, als im Internet präsent zu sein. Aber das Internet ist gewachsen und jetzt ist die Zeit reif, um den Schritt zu gehen. Schließlich sind 52 Millionen Deutsche online – und das ist ein riesiges Potenzial für den Mittelstand, um neue Märkte zu erschließen.

Wer nicht auf der Google-Trefferliste landet, existiert also nicht?

So weit würde ich nicht gehen. Aber zu welchem Fahrrad-Laden gehen Sie denn? Zu dem, der sich im Netz präsentiert, seinen Service, seinen Laden, seine Angebote zeigt, zu dem andere Kunden bereits ein Feedback abgegeben haben oder zu dem, den man nicht vorher anschauen kann, weil er keine Homepage hat. Wenn Sie heute nicht im Netz gefunden werden, dann ist das so als wenn Sie vor 30 Jahren kein Telefon gehabt hätten. Das macht die Geschäfte einfach schwieriger.

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Wie regional ist die Suche der Nutzer?

Das Suchvolumen nach lokalen Begriffen, wie „Tischler + München“, steigt stark. Jede fünfte Suchanfrage ist mittlerweile lokal. Das Internet ist einerseits das große Tor zur Welt. Andererseits aber will man eben in der näheren Umgebung einkaufen, Essen gehen, Dinge zur Reparatur geben.

Street View hat für heftige Diskussionen in Deutschland gesorgt. Wie wird dieser Service denn angenommen?

Das Nutzerverhalten zeigt uns, dass Deutschland Street View sehr gut angenommen hat. Wir hatten zu Beginn einen Anstieg von 300 Prozent. Nur weniger als drei Prozent aller Haushalte haben übrigens entschieden, dass ihr Haus nicht gezeigt werden soll.

Ist die stete Kritik von Datenschützern an Google eine Eigenart des deutschen Marktes?

Der Datenschutz spielt in Deutschland eine große Rolle. Wir unterstützen, dass User selbst entscheiden können, welche persönlichen Informationen sie dem Netz preisgeben. Wir sind ein Unternehmen, das auf Menschen und Unternehmen zugeht. Dabei halten wir uns an alle Datenschutzanforderungen und gehen auf die Datenschützer zu. Das ist uns – auch in Deutschland – gut gelungen.

Ein Blick in die Zukunft: Wie wird sich die Internetnutzung verändern?

Wir sehen drei wesentliche Entwicklungen, auf die wir unsere Strategie ausrichten. Zum einen wird die Suche immer intelligenter. Wenn Sie heute bei einer Suchmaschine eingeben: „Was soll ich heute Abend machen?“ oder „Was soll ich morgen kochen?“, dann bekommen Sie keine Antwort – das kann sich ändern. Das zweite ist der Bereich Video. Allein bei Youtube werden pro Minute 35 Stunden neues Material hochgeladen. Das bietet auch dem Mittelstand eine zusätzliche Möglichkeit der Kunden-Kommunikation.

In welcher Form?

Zum Beispiel durch Anleitungen zum Aufbau und Gebrauch von Geräten. Das wird ein großer Trend.

Und das dritte Thema. . .

. . . ist die mobile Internetnutzung, die das Netz in die Hosentasche oder Handtasche bringt. Das wird sich enorm verstärken und damit werden in Zukunft nicht nur viel mehr Menschen online sein. Auch der lokale Bezug wird enorm steigen. Denn wenn ich unterwegs bin, dann will ich mit hoher Wahrscheinlichkeit eine lokale Information abrufen.

Erstaunt es Sie eigentlich, wie mitteilungsfreudig die Internetnutzer sind?

Es erstaunt uns nicht, denn früher am Stammtisch haben die Menschen auch schon Informationen ausgetauscht. Heute ist der Stammtisch größer und heißt Internet. Außerdem kennen wir das soziale Phänomen auch vom Fernsehen. Früher haben alle Menschen am Samstag die große Abendshow gesehen und sich am Montag darüber im Büro unterhalten. Das verbindet die Gemeinschaft. Das Prinzip ist mit dem Internet genau das gleiche.

An der Konzernspitze steht nun wieder der Google-Gründer Larry Page. Was erwarten Sie von ihm?

Mit Larry Page gehen wir zurück zu unseren Wurzeln. Die Nutzer-Orientierung ist ihm heilig und mit ihm wird Google viele neue Impulse setzen. Im Netz gibt es keine Kundenbindung außer, dass man sagt, das Produkt mag ich, dem vertraue ich, das macht Spaß. Die Konkurrenz ist nur einen Klick entfernt. Also müssen wir kreativer und besser sein und dürfen uns nicht zurücklehnen.

Das Interview führte: Stefanie Backs

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