Am Mittwoch demonstrierten Beschäftigte des Lieferdienst-Start-up Gorillas vor der Firmenzentrale.
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Am Mittwoch demonstrierten Beschäftigte des Lieferdienst-Start-up Gorillas vor der Firmenzentrale.

„Massenkündigungen“

„Sauerei“: Lieferdienst Gorillas kündigt etlichen streikenden Fahrern fristlos

  • Michelle Brey
    VonMichelle Brey
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Der Streit um bessere Arbeitsbedingungen beim Lieferdienst-Start-up Gorillas scheint eskaliert zu sein. Es hagelte dutzende fristlose Kündigungen.

Berlin / München - Befristete Verträge, mangelnde Ausrüstung, schlechte Dienstplanung: Unter den Mitarbeitern des Start-ups Gorillas brodelt es nicht erst seit gestern. Seit Monaten tobt in dem jungen Unternehmen ein Streit über die Arbeitsbedingungen. Kuriere des Lieferdienstes legten ihre Arbeit nieder, setzten sich mit „wilden Streiks“ und Protesten sowie Blockaden vor Lagerhäusern für bessere Arbeitsbedingungen, Gehälter und weniger Gewicht auf dem Rücken ein.

Erst am 26. September hatte sich Gorillas-Gründer Kagan Sümer gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gegen die Kritik gewehrt. „Wir beuten niemanden aus“, sagte er. Nur wenige Tage später scheint der Streit zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmern eskaliert zu sein.

Gorillas: Lieferdienst-Start-up unternimmt fristlose „Massenkündigungen“

Wie der Spiegel berichtete, soll mehr als ein Dutzend der Gorillas-Kuriere eine fristlose Kündigung erhalten haben. Demnach liegen der Zeitung zweiseitige Kündigungsschreiben vor. Darin heißt es unter anderem: „Hiermit kündigen wir das mit Ihnen bestehende Arbeitsverhältnis außerordentlich aus wichtigem Grund fristlos.“ Eine Begründung bleibt laut Spiegel in den entsprechenden Schreiben allerdings offen.

Die Empörung der sogenannten „Rider“ ist groß. Am Dienstag (5. Oktober) schrieb das „Gorillas Workers Collective“ (GWC) - ein Zusammenschluss von Mitarbeitern für bessere Arbeitsbedingungen - auf Twitter: „Praktisch alle Mitarbeiter in Kreuzberg, Gesundbrunnen und Tempelhof wurden heute gefeuert. Statt sich mit den Arbeitskräften auseinanderzusetzen, hat sich Gorillas dazu entschieden, sie loszuwerden.“

Am Mittwoch schrieb die Gruppe von „Massenkündigungen“. Diese seien per Brief oder telefonisch mitgeteilt worden. Auch seien Kündigungen gegenüber solchen Arbeitnehmern ausgesprochen worden, die nicht an den Aktionen teilgenommen hätten. „Das muss ein Ende nehmen“, schrieb GWC.

Gorillas: Streiks „rechtlich unzulässig“ - Unternehmen will Kündigungen durchsetzen

Der Lieferdienst Gorillas machte indes zunächst keine Angaben zu der genauen Zahl der Entlassungen. Ein Sprecher teilte allerdings am Mittwoch mit, dass die Arbeitsverhältnisse derjenigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beendet worden, die sich an den Streiks beteiligt hätten. „Solche unangekündigten und nicht gewerkschaftlich getragenen Streiks sind rechtlich unzulässig. Nach intensiver Abwägung sehen wir uns gezwungen, diesen rechtlichen Rahmen nun durchzusetzen“, hieß es.

Widersprüchlich sind die nun getätigten Aussagen im Vergleich mit Äußerungen des Gorillas-Gründers Kagan Sümer, die er im Juli getroffen hatte. Laut Spiegel versprach der Chef des Start-ups damals: „Ich würde niemals jemanden feuern, weil er streikt.“ Ganz im Gegenteil: „Ich mag, dass ihr für eure Rechte kämpft.“

Lieferdienst-Start-up Gorillas: Dutzende fristlose Kündigungen - Arbeitnehmer reagieren prompt

Als Reaktion auf das Vorgehen des Start-ups solidarisierten sich am Mittwochnachmittag dutzende Beschäftigte und Unterstützer vor der Firmenzentrale in Berlin mit den entlassenen Kolleginnen und Kollegen.

Ein Beschäftigter des Lieferdiensts Gorillas klebt vor der Firmenzentrale ein Transparent mit der Aufschrift „Gorillas - We Fire in 10 Minutes“ an einer Wand fest.

Auf Transparenten stand unter anderem „Gorillas #WeFireYouIn10Minutes“. Eine Anspielung an das Kundenversprechen des Unternehmens, maximal zehn Minuten nach der Bestellung zu liefern.

Gorillas: Entlassungen eine „Sauerei“ - doch arbeitsrechtlich gerechtfertigt?

Eine „Sauerei“ sei es politisch nach Ansicht der Gewerkschaft ver.di, dass Gorillas Mitarbeiter entlasse, die sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzten. Das berichtete Tagesschau.de. Andreas Splanemann, Pressesprecher des ver.di-Landesverbandes Berlin-Brandenburg, räumte allerdings ein, dass das Unternehmen arbeitsrechtlich „die besseren Karten“ haben dürfte. Der Hintergrund: Hierzulande darf ausschließlich eine Gewerkschaft zum Streik aufrufen. Bei den „Ridern“ von Gorillas war dies nicht der Fall.

Zuletzt erhitzte auch das Bahnstreik-Chaos die Gemüter in Deutschland. (mbr/dpa)

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