Das Grauen an der Tankstelle

München - Pünktlich zu Ferienbeginn ist es wieder so weit: Die Mineralölgesellschaften erhöhen die Spritpreise und so manchem Autofahrer wird es an der Tankstelle schwindlig - mancherorts stieg der Benzinpreis auf 1,51 Euro je Liter.

Damit ist ein neuer Rekord gebrochen, die magische Grenze von 1,50 Euro passiert - und ein Ende des Preisschwungs ist nicht in Sicht. Der Ölpreis hat seinen Höhenflug am Freitag ungebremst fortgesetzt und die Marke von 125 US-Dollar ins Visier genommen. Im asiatischen Handel der New Yorker Rohstoffbörse stieg die Notierung für US-Leichtöl in der Spitze auf den Rekordwert von 124,73 Dollar je Barrel (159 Liter). Damit hat der Ölpreis seit Beginn der Woche rund acht Dollar zugelegt. Den Anstieg führten Händler weiter auf den schwachen Dollar, die hohe Nachfrage und Meldungen über Förderausfälle in Nigeria zurück.

Psychologische Preisjagd

Dennoch zeigten sich auch Experten verwundert über die Preisjagd: "Es gibt keine fundamentalen Gründe", sagte die Sprecherin des Mineralölkonzerns Esso, Gabriele Radke: Derzeit seien mehr psychologische Faktoren als das Verhältnis von Angebot und Nachfrage für das teure Öl verantwortlich. Versorgungsengpässe sieht sie nicht. "Die Märkte ignorieren im Moment sogar Meldungen, die eigentlich für einen fallenden Preis sorgen müssten", sagte die Sprecherin des Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV), Barbara Meyer-Bukow. Sie verwies unter anderem auf Berichte aus den USA, wonach dort die Reserven an Rohöl gestiegen seien: "So etwas hätte früher den Preis sinken lassen."

Lohnenswerter Tanktourismus

Der Sprecher des ACE Auto Club Europa, Rainer Hillgärtner, nannte es ein politisches Ärgernis, dass die Bundesregierung sich nicht in der Lage sehe, auf internationaler Ebene gegen Ölpreisspekulanten vorzugehen. Als "Akt der Selbsthilfe" sollten Autofahrer deshalb besser im billigeren Ausland tanken. "Wenn Ölkonzerne und Regierung nichts gegen Preiswucher unternehmen, müssen sich Autofahrer selbst helfen", erklärte Hillgärtner. Und tatsächlich ist die Fahrt mit halbleerem Tank über die Grenze lohnenswert - es gibt außer Belgien und Dänemark kaum ein europäisches Land, in dem Autofahrer mehr zahlen müssen als in Deutschland (siehe Tabelle).

Schwere Steuerlast

Die Benzin-Flucht ins Ausland ändert aber nichts am Grundsätzlichen. ADAC-Vizepräsident Ulrich Klaus Becker bemängelte in München, dass der Staat "immer größere Summen an Steuergeldern vom Autofahrer" kassiere, "während Millionen von Menschen längst nicht mehr wissen, wovon sie die nächste Tankrechnung bezahlen sollen". Von jedem getankten Liter Benzin "fließen 89 Cent in die Staatskasse - dieser extrem hohe Steuersockel ist mitschuldig an der jetzigen Misere", kritisierte Becker (siehe dazu Grafik). Deshalb müsse die Aussetzung der Ökosteuer unverzüglich auf die Tagesordnung, verlangte Becker.

Sparsamer Fahren

Um den Preisschock an den Zapfsäulen zu umgehen, wäre die einfachste Alternative das Auto stehen zu lassen. So rät der Verkehrsclub Deutschland, die Pfingst-Pläne zu ändern, und Ausflüge zu Fuß, mit dem Fahrrad oder den öffentlichen Verkehrsmitteln zu unternehmen. Wenn das nicht geht, hier noch weitere Möglichkeiten:

Fahrgemeinschaften: Was während der Bahnstreiks gut funktioniert hat, klappt auch beim Benzin-Hoch. Die Kosten verteilen sich bei Fahrgemeinschaften auf mehrere Personen und es wird für jeden günstiger - nicht nur auf dem Arbeitsweg. (Verband der Mitfahrzentralen unter www.citynetz-mitfahrzentrale.de, Münchner Büro Tel: (089) 19 444) Fahr-Stil ändern: Bis zu 25 Prozent weniger Verbrauch sind durch eine clevere Fahrweise möglich. Dazu gehört neben gleichmäßigem Fahren unbedingt den Reifenluftdruck regelmäßig zu überprüfen und nötigenfalls zu korrigieren. Bei zu geringem Luftdruck leidet nicht nur die Sicherheit, auch der Spritverbrauch steigt. Schon 0,2 bar weniger erhöhen den Rollwiderstand bis zu zehn Prozent. Der ADAC bietet dazu ein spezielles Fahrer-Training an, das für sechs Leute rund 540 Euro kostet (www.adac.de/fahrsicherheit). 

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