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Sofia Grammata, 47, ist seit November vergangenen Jahres griechische Generalkonsulin in München. Sie und ihr Team sind Ansprechpartner für rund 70 000 Griechen in Bayern – allein 26 000 von ihnen leben im Großraum München.

Griechisch-Bayerische Beziehungen in Zeiten der Krise

München - Die griechische Generalkonsulin Sofia Grammata spricht im Interview über die griechisch-bayerischen Beziehungen in Zeiten der Krise. Von den Sparmaßnahmen ihres Heimatlandes ist auch sie selbst indirekt betroffen.

Die griechische Generalkonsulin Sofia Grammata kommt mit zwei Mitarbeitern zum Interview – für beide ist es einer der letzten Termine. Ihre Arbeitsplätze fallen den Sparmaßnahmen zum Opfer. Ein Gespräch über die griechisch-bayerischen Beziehungen in Zeiten der Krise.

Frau Generalkonsulin, Sie sind Mittlerin zwischen Bayern und Griechen. Ist das gerade ein schwieriger Job?

Es ist eine Herausforderung. Aber die Aufgabe ist vielleicht leichter als in anderen Bundesländern. Die Beziehung zwischen Bayern und Griechen war immer gut. Das liegt auch daran, dass die Griechen, die hier leben, hart arbeiten. Sie sind Beispiele für gelungene Integration.

Sind die Griechen in Deutschland fleißiger als die in Griechenland?

Ich sehe keine Unterschiede. Die Unterschiede liegen eher im System. In Griechenland sind die Voraussetzungen schlechter. Es steht außer Frage, dass es Strukturmaßnahmen geben muss, damit Griechen in Griechenland erfolgreicher sein können. Aber einen Mentalitätsunterschied gibt es nicht. Es gibt genauso weniger fleißige Griechen, wie es weniger fleißige Deutsche gibt.

Werden die Beziehungen zwischen Griechen und Deutschen gerade beschädigt?

Einige Politiker der beiden Länder verschärfen den Ton, aber meine Rolle als Diplomatin ist es, die Wogen zu glätten. Die Medien in beiden Ländern sollten diese Stereotypen nicht verbreiten, sondern helfen, sie abzubauen.

Ihr Staatspräsident hat Finanzminister Schäuble scharf kritisiert. Zu Recht?

Ich werde weder deutsche noch griechische Politiker in Schutz nehmen. Mein Land befindet sich in einer außerordentlich schwierigen Lage. Da ist es für die Griechen sehr schwer hinzunehmen, dass man sie durch Äußerungen minderwertig behandelt. In der Vergangenheit waren Nachbarländer Griechenlands in ähnlicher Lage, wurden aber nicht so scharf dafür kritisiert.

Wie sehen die Griechen die Deutschen?

Die Beziehungen zwischen Griechen und Deutschen sind besonders gut. In Deutschland leben mehr als 300 000 Griechen und in Griechenland mehr als 45 000 Deutsche. Es gibt aber Griechen, die zu mir ins Konsulat kommen und berichten, dass sich das Klima ihnen gegenüber relativ verschlechtert habe. Die überwiegende Mehrheit der Griechen, die hier leben, haben jedoch in Bayern eine zweite Heimat gefunden.

Viele Deutsche sind der Meinung, Griechenland sollte aus dem Euro austreten. Wie sehen Sie das?

Die griechische Bevölkerung, das Parlament und die Regierung wollen, dass das Land im Euro bleibt. Man darf die Fortschritte, die gemacht wurden, nicht ignorieren. Wir haben das Haushaltsdefizit seit 2009 um mehr als sechs Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung reduziert. Das ist sehr außergewöhnlich. Die Schulden sind aber nur eine Seite der Medaille, man muss auch Wachstum generieren. Zur Wahrheit gehört, dass das griechische Volk große Opfer gebracht hat.

Wie hart sind die Einschnitte? Wie viel verdienen zum Beispiel Sie als Diplomatin weniger?

Wir Diplomaten hatten etwa 30 Prozent Gehaltseinbußen. Auch die Renten wurden in dieser Größenordnung gekürzt. Da stellt sich die Frage, ob die Rentner noch das Geld bekommen, das sie eingezahlt haben. Ein sehr akutes Problem ist auch die rapide steigende Arbeitslosigkeit. Der Arbeitsmarkt kann nicht mehr alle jungen griechischen Akademiker aufnehmen. Dieses Überangebot an qualifizierten Arbeitnehmern ist aber auch ein Vorteil für Unternehmen, die in unser Land investieren.

Viele junge Griechen wollen das Land verlassen.

Das wird in manchen Medien übertrieben. Die Griechen, die in Bayern arbeiten, sind jetzt 1500 bis 1800 mehr als im vergangenen Jahr.

In Griechenland gibt es massive Proteste. Glauben Sie, dass die Regierung das Sparpaket trotzdem durchsetzen kann?

Ich glaube nicht, dass die Proteste in Griechenland viel massiver oder gewaltiger sind als in anderen Ländern. Die Sparmaßnahmen liefern aber radikalen Elementen einen Vorwand, sich so zu benehmen.

Trotzdem bleiben die Bilder des brennenden Athen. Können deutsche Touristen noch unbesorgt nach Griechenland reisen?

2011 ist die Zahl der deutschen Touristen sogar gestiegen. Ich kann hier nicht objektiv sein, aber: Für mich ist Griechenland das schönste Land der Welt, ich bin verliebt in Griechenland und es gibt keinen Grund, es nicht zu besuchen.

Zusammengefasst von Philipp Vetter

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