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Dunkle Wolken über Athen: Bekommt Hellas Hilfe der EU oder setzt sich die Bundeskanzlerin mit ihrem skeptischen Kurs durch?

„Griechenland geht sicher nicht bankrott“

Griechenland begeht morgen wohl eher verhalten seinen Nationalfeiertag. Im Vorfeld des EU-Gipfels zur Schuldenkrise in dem Mittelmeerland sprachen wir mit Andreas Psycharis, dem griechischen Generalkonsul in München.

-Angela Merkel wendet sich strikt gegen EU-Hilfen. Nervt Sie die sture Kanzlerin?

Nerven? Emotionen haben in der Politik nichts zu suchen. Deutschland ist ein eng mit uns verbündetes Land. Wir sind in dieser Frage unterschiedlicher Meinung. Aber in der EU machen weder Deutschland noch Griechenland, was sie wollen, sondern man setzt sich zusammen und findet eine gemeinsame Linie. Wir emotionalisieren das nicht.

-Aus Griechenland hören wir aber auch verärgerte Kritik an den Deutschen. Offenbar habe Berlin wegen der deutschen Exporte Interesse an einem schwachen Euro, sagt Vize-Regierungschef Pangalos.

Es steht mir nicht zu, das zu kommentieren. Es gibt elf Millionen Griechen, die haben elf Millionen Ansichten. Ministerpräsident Papandreou hat bewusst ein Kabinett berufen, das verschiedene Meinungen repräsentiert, wie in allen Ministerkabinetten der Welt und wie auch hier in Deutschland. Die Entscheidungen trifft der Ministerpräsident.

-Erwarten Sie am Ende Merkels Ja zur Hilfe?

Finanziell wäre das natürlich eine Option. Viel, viel wichtiger ist aber eine politische Unterstützung etwa gegenüber Spekulanten.

-Kommen da zu wenig Signale aus Deutschland?

Wirtschaft ist oft Psychologie. Schauen Sie mal die Zinsen an: Wenn Griechenland fünf Milliarden Euro Kredite aufnimmt, müssen wir dafür 750 Millionen Euro mehr Zinsen zahlen, als Deutschland es für den gleichen Kreditbetrag müsste.

-Schuld sind hausgemachte Probleme früherer Regierungen in Athen.

Andreas Psycharis (43) ist seit 2009 Griechenlands Generalkonsul in München. Der gebürtige Athener war unter anderem im Außenministerium, in Washington, Zypern, London, Brüssel und Florida eingesetzt. Der viersprachige Diplomat ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Wir haben Fehler gemacht, auf jeden Fall. Das geben wir zu. Ich bitte aber auch, die Gesamtlage zu sehen. Wir mussten in der Vergangenheit wegen der Nachbarschaft zum früheren Ostblock und zur Türkei sehr hohe Militärausgaben leisten, prozentual zur Bevölkerung die fünft- höchsten der Welt. Täglich fliegen türkische Kampfflugzeuge über die Ägäis. Wir konnten uns diese Lage nicht aussuchen, wir sind eben Nachbarn. Und lassen Sie mich bitte daran erinnern, dass Deutschland von solchen Rüstungsaufträgen sehr profitiert hat: Wir haben Eurofighter, U-Boote für die Marine, Leopard-Panzer und Lastwägen bei deutschen Firmen bestellt.

-Droht die Staatspleite?

Griechenland wird auf keinen Fall bankrott gehen. Eine solche Behauptung wäre lächerlich. Und Griechenland wird auf keinen Fall den Euro-Raum verlassen, das geht nicht.

-Sogar Bundespräsident Köhler fordert allerdings jüngst eine Art Insolvenzordnung auch für Staaten. Ist das nicht ein Affront gegenüber Griechenland?

Deutschland wird vertreten durch Bundeskanzlerin Merkel. Es können viele Dinge gesagt werden, aber letzten Endes ist sie die, die das letzte Wort hat. Ich glaube nicht, dass sie das so gesagt hätte.

-Wird der Tourimus unter der griechischen Krise und dem belasteten Verhältnis zu Berlin leiden?

Nicht unter der politischen Lage: Bitte lassen Sie uns nicht vergessen, dass die Deutschen Griechenland lieben, und umgekehrt. Ja, der Tourismus wird in Mitleidenschaft gezogen werden, aber nicht wegen der Politik, sondern wegen der weltweiten wirtschaftlichen Lage. Viele Deutsche, auch aus Bayern, können sich Reisen nach Griechenland heuer nicht mehr leisten, sondern fahren vielleicht mit dem Auto in günstigere Länder. Wir merken schon jetzt: Es gibt weniger Linienflüge, die Preise sind gestiegen.

-Kann ich denn meinen Sommerurlaub in Griechenland planen – oder muss ich mit streikenden Fluglotsen und blockierten Straßen rechnen?

Die Streikwellen finden meist im Herbst oder Winter statt. Das ist die Erfahrung aus Jahrzehnten. Ein Streik zur Tourismuszeit im Sommer wäre Harakiri. Außerdem möchte ich klarstellen: Das Bild trügt. Griechenland ist nicht Europameister im Streiken. Wenn ich mich nicht täusche, sind das Frankreich und Italien.

Zusammengefasst von Christian Deutschländer

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