Grippe-Epidemie rückt näher: Firmen nachlässig bei Vorsorge

- München - Die Vorsorge der bayerischen Firmen gegen eine Grippe-Epidemie ist offenbar weit geringer als bekannt. Nach einer internen Statistik des Gesundheitsministeriums, die unserer Zeitung vorliegt, hat bisher kein einziger Betrieb in größerem Umfang Grippemittel besorgt. Nur vier Firmen bekundeten Interesse - trotz allgemein wachsender Sorge vor einem Übergreifen der Vogelgrippe auf Deutschland.

Für die Weltgesundheitsorganisation ist der Ausbruch nur eine Frage der Zeit. Eine weltweite Epidemie würde laut Schätzungen des Wirtschaftsinstituts RWI in Deutschland 25 bis 75 Milliarden Euro Schaden anrichten. Das Institut kalkuliert mit 100 000 Toten und 300 000 Kranken. Teile des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft brächen zusammen.

Experten raten den Betrieben dringend zur Vorsorge. "Der Staat ist damit überfordert", sagt Alexander S. Kekulé´, Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. So hat Bayern zwar für 15 Prozent der Bevölkerung Medikamente gekauft, wird die aber vor allem zum Schutz besonderer Berufsgruppen einsetzen: etwa Ärzte, Polizei und Feuerwehr. Kekulé´ warnt vor Panik. Aber: "Unternehmen sollten auf jeden Fall in die Bresche springen."

Er rät zu mit Experten erarbeiteten Pandemie-Plänen. Welche Betriebsteile können im Notfall stillgelegt oder verlagert werden? Welche Kollegen können von zu Hause aus arbeiten? Welche Zulieferer fallen weg? Der Experte rechnet damit, dass bei einer Epidemie rund 30 Prozent der Arbeitnehmer ausfallen. Weltweit wird die Wirtschaft jedoch nicht kollabieren, weil sich die Pandemie wohl wellenförmig ausbreitet. Kekulé´ empfiehlt auch einen individuell überlegten Medikamente-Kauf für ungefähr 20 bis 50 Prozent der Mitarbeiter. "Wenn Sie keinen Plan haben, sind Sie der Grippewelle komplett ausgeliefert", sagt der Professor. Seiner Erfahrung nach hätten zwar die meisten Vorstände "für sich und ihre Familie" eine Schachtel Medikamente angeschafft - aber nicht ausreichend für den Betrieb vorgesorgt.

Inzwischen achten selbst die Rating-Agenturen auf die Vorsorge gegen Epidemien: "Dieses Risiko wird genauer ins Auge gefasst", sagt Kekulé´. Wer nicht vorsorgt, gilt als weniger kreditwürdig, beobachtet auch Bayerns Gesundheitsminister Werner Schnappauf (CSU): "Das ist ein Thema auch für die Börse. Bei den Großen könnte sich das aufs Rating auswirken." Ähnliches gilt für Bewertungen durch Rückversicherer.

Notfallpläne gibt es mehrere, doch die Medikamenten-Nachfrage in Bayern ist bisher minimal. Es habe nur vier Interessenten gegeben, bestätigt Schnappauf - trotz eines langen Briefwechsels mit den Wirtschaftsverbänden. Nur ein Haus, das Europäische Patentamt, habe den Kauf von Grippemitteln beantragt. "Durch die Tierseuche ist die Gefahr von Pandemien noch konkreter. Wir empfehlen den Firmen dringend eine Vorsorge", sagt Schnappauf. Notfallpläne wie bei SAP, die bis zur kompletten Evakuierung der Firmenzentrale reichen, seien angemessen und nicht überzogen.

Bayern selbst will Anfang Februar einen Pandemie-Plan vorstellen und dann auch Schutzkonzepte für die Behörden entwickeln.

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