Der gröbste Staub hat sich gelegt

- München - Das neue Stadion in München und das alte Kolosseum in Rom haben viel gemein. Beide kosten Unsummen Steuergeld, beide wurden gebaut von geltungsbedürftigen Kaisern, um darin die Löwen verlieren zu sehen. Und beide sind geplant mit der gleichen Software. Es sind die Programme der Nemetschek AG, die aus den Steinhaufen virtuelle Prachtbauten machen. Die Arenapläne wurden visualisiert, um vorab Werbekunden zu locken. Das Kolosseum wurde für den Gladiator-Film digital restauriert.

<P>Wenn wieder über Produkte gesprochen wird, ist das ein gutes Zeichen. Das Münchner Software- und Consulting-Unternehmen ist aus dem Gröbsten raus. "Wir sind in der Talsohle. Mit guten Aussichten, wieder zu wachsen", sagte Vorstandschef Gerhard Weiß unserer Zeitung.<BR><BR>Es war ein tiefes Tal. Jeder vierte der fast 1000 Mitarbeiter musste gehen, darunter der glücklose Boss Gerhardt Merkel. Der Kurs, einst über 90 Euro, dümpelte bei 1,10. Finanzvorstand Weiß rückte im Juni 2002 auf den Chefsessel. "Man hat bei uns zu lang gezögert, Maßnahmen zu ergreifen", kritisiert er heute.<BR><BR>Als seine wichtigste Aufgabe beschreibt er, den Konzern wieder zu einer Einheit zu formen. Inzwischen bereue man keinen Einkauf mehr, sagt Weiß nach der Konsolidierung. Die AG baute er zur Holding um und fegte die Chefetage schwungvoll aus. Der Vorstand ist nurmehr zu zweit, von sechs Aufsichtsratsposten wurden drei gestrichen.<BR><BR>Einer der verbleibenden Räte ist Gründer Georg Nemetschek. Der Familie gehören noch immer 73 Prozent der Unternehmens. Aus dem operativen Geschäft halte sich der Senior - ein Unternehmer vom alten Schlag - jedoch heraus, berichten Mitarbeiter. Er habe sich stark zurückgezogen. 73 Prozent sei "ziemlich viel", räumt Weiß ein. Es gebe aber "keine Intention der Familie, Anteile abzugeben". Freilich: Verkauft Nemetschek, heißt es, er habe kein Vertrauen mehr in seine Firma. Verkauft er nichts, wird der geringe Streubesitz kritisiert.<BR><BR>Zuletzt hat sich das Vertrauen etwas mehr rentiert. Binnen zwei Monaten verdoppelte sich der Kurs, es wird wieder profitabel programmiert. Weiß verspricht, "wir bleiben übers Jahr im Plan".<BR><BR>"Die anderen zeichnen nur Striche, wir zeichnen Gebäude."<BR>Gerhard Weiß über die Konkurrenz<BR><BR>Wachsen will die AG ("Planen, Bauen, Nutzen") vor allem in ihrem bisher defizitären dritten Geschäftsfeld: Software beispielsweise zum Management genutzter Immobilien, seit Jahren als einer der Zukunftsbereiche genannt, soll mehr Ertrag bringen. Auch von den Bauverwaltungen erwartet Weiß verstärkte Nachfrage nach Programmen. Im Segment Planung will Nemetschek seine Marktführerschaft im Inland behalten. Auch das Auslandsgeschäft, bisher 40 Prozent des AG-Umsatzes, soll wachsen. Neben der Visualisierung von Stadion und Kolosseum gehörte schließlich auch die Planungssoftware für die Pinakothek der Moderne und für die Koordination beim Terminal-Bau am Flughafen zu den aufsehenerregenden Nemetschek-Leistungen.<BR><BR>Er wolle Euphorie vermeiden, sagt Weiß, und stapelt deshalb tief. Weiterer Personalabbau sei im Moment nicht vorherzusehen, erklärt der Firmenchef. Die Entwicklung zeige nach oben. Zufrieden ist der Manager wahrscheinlich erst, wenn auf allen Baustellen Laptops mit seiner Software die Kugelschreiber und Schmierzettel abgelöst haben. Aber: "Den Trend zum Butterbrotpapier zu stoppen, wird nicht einfach."<BR><BR></P>

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