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Eine faire Verteilung des Erbes ganz nach dem Sinne des Verstorbenen ist nur garantiert, wenn dieser zuvor ein Testament aufgesetzt hat

Die größten Fehler beim Vererben

München - Die Deutschen vererben jährlich über vier Milliarden Euro. Doch viele Erbfälle enden in großer Enttäuschung und Streit. Damit das nicht geschieht, gilt es, zu Lebzeiten einiges zu regeln.

Das Leben ist endlich – auch wenn das viele Menschen gerne verdrängen. Umso wichtiger ist es, sich frühzeitig Gedanken zu machen, wie der eigene „Letzte Wille“ aussehen soll. Fehlerhafte oder unwirksame Testamente sind dabei keine Seltenheit. „Aufgrund folgenschwerer Nachlässigkeiten landen viele Vermögenswerte dort, wo sie vom Erblasser nicht gewünscht wurden, auch in beachtlichen Teilen beim Staat, da steuerliche Aspekte übergangen werden“, sagt Professor Klaus Michael Groll, Fachanwalt für Erbrecht und Präsident des Deutschen Forums für Erbrecht in München.

Dies sind die „Top Ten“ der schwerwiegenden Fehler:

1.) Kein Testament:

„Ein Testament gehört zum Leben“, betont der Münchner Fachanwalt Dr. Thomas Fritz in seinem Buch „Wie Sie ihr Vermögen vernichten“. Ohne Testament gilt die gesetzliche Erbfolge – „häufig mit unangenehmen Überraschungen“, sagt Klaus Michael Groll. So können sich zum Beispiel kinderlose Ehepartner nicht automatisch gegenseitig allein beerben – die Familie hängt immer mit drin. Der Überlebende erbt dann zum Beispiel zusammen mit seinem Schwiegervater oder Schwager. Nicht selten ergeben sich daraus Erbengemeinschaften – ein potenzieller Konfliktherd, weiß Groll. „Ein kluges Testament hilft Frieden zu stiften.“ Gibt es weder Ehepartner noch Verwandte und keine Verfügung, geht das komplette Vermögen übrigens allein an den Staat. Wer das nicht möchte, muss vorsorgen.

2.) Zu spät testieren:

Der Tod kann jederzeit eintreten. „Viele haben nur die statistische Lebenserwartung im Kopf und meinen, noch ausreichend Zeit zu haben“, sagt Groll. „Und dann ist es plötzlich zu spät.“ Auch ein Ereignis, das zur Testierunfähigkeit führt (Unfall, Schlaganfall), kann alle Gestaltungsmöglichkeiten zunichte machen.

3.) Vertrag statt Testament:

Der Letzte Wille wird entweder mittels Testament oder Erbvertrag geregelt. Doch Letzterer birgt eine Tücke. „Verspricht zum Beispiel ein Vater in einem solchen Vertrag seinem Sohn, dass dieser einmal sein Erbe werde, dann kommt der Vater ohne Zustimmung des Sohnes aus diesem Versprechen nicht mehr heraus“, warnt Groll. Wenn das Verhältnis später einmal zerrüttet sein sollte, kann dies zu großen Problemen führen.

Bei einem Testament hingegen kann der Erblasser jederzeit Änderungen vornehmen.

4.) Pflichtteils-Problem:

Der Pflichtteil ist immer ein Geldanspruch und kann den Erben, der den Pflichtteil zahlen muss, in größte Liquiditätsprobleme stürzen, wenn beispielsweise zum Nachlass nur eine Immobilie zählt. Viele würden diese Pflichtteilsansprüche vergessen, erklärt Groll. Daher sei es wichtig, diese Problematik zu entschärfen, etwa durch lebzeitigen notariellen Pflichtteilsverzichts-Vertrag, durch Testamentsklauseln oder Anrechnungsklauseln bei Schenkungen an den späteren Pflichtteilsberechtigten.

5.) Unzureichendes Ehegatten-Testament:

Eine beliebte Standard-Lösung zwischen Eheleuten ist das Berliner Testament. Zweck dieser Absprache ist es, dass dem überlebenden Ehepartner der Nachlass des verstorbenen Ehepartners alleine zufällt. Erst nachdem auch dieser verstorben ist, geht der Nachlass an Dritte, die Schlusserben (zum Beispiel Kinder). „Ein wichtiger Punkt wird jedoch oft übersehen“, sagt Groll: Darf der Überlebende die gemeinsam getroffene Schlusserbenregelung, also die Verfügungen für seinen Tod, wieder ändern? Im Standard-Format ist das nicht möglich. Nur sogenannte Öffnungsklauseln eröffnen dem überlebenden Ehegatten Handlungsspielräume, um auf neue Situationen reagieren zu können, erklärt Anwalt Fritz.

6.) Der falsche Ehevertrag:

Eheverträge berühren auch das Erbrecht. „Ideal könnte die Vereinbarung der sogenannten modifizierten Zugewinngemeinschaft sein“, erklärt Groll. Sie bedeutet Gütertrennung für den Fall der Scheidung, aber Zugewinngemeinschaft für den Fall des Todes des Erstversterbenden. So dürfte man eine Verschlechterung der gesetzlichen Erbquote des Überlebenden sowie steuerliche Nachteile mildern.

7.) Keine Ersatzerben nennen:

Wer erbt, wenn der testamentarisch eingesetzte Erbe im Erbfall gar nicht mehr lebt? „Das kann im Einzelfall sehr fraglich sein“, sagt Groll. Es könne durchaus passieren, dass von Rechtswegen jemand Ersatzerbe wird, der aber nach dem Willen des Verstorbenen partout nichts hätte bekommen sollen. Die Regelung der Ersatzerbschaft gehört also unbedingt in ein Testament.

8.) Steueraspekt ausblenden:

Manches Testament liest sich überzeugend, und doch kann es steuerlich betrachtet höchst unvernünftig sein, und zwar nicht nur erbschaftsteuerlich, sondern auch einkommensteuerlich, erklärt Groll. Beim Berliner Testament beispielsweise fällt durch die Zweiteilung des Vermögensübergangs zweimal Erbschaftssteuer an. „Wenn das zu vererbende Vermögen weit höher ist als die gesetzlichen Freibeträge“, erklärt Fritz, könne man mit entsprechender testamentarischer Gestaltung diese Doppelbesteuerung vermeiden.

9.) Testament im Nachtkasten:

Der Aufbewahrungsort des Testamentes sollte sicher sein, damit es nicht beschädigt oder geklaut wird. Gerade Letzteres geschehe häufiger als man meint, sagt Groll. Er und sein Fachkollege Fritz empfehlen dringend, das handschriftlich verfasste und unterschriebene Original in einem Safe zu lagern – am besten bei einem Anwalt, Notar oder beim Nachlassgericht.

10.) „Laien-Testament“:

Korrekt aufgesetzte Testamente, die nicht von einem Notar oder Fachanwalt erstellt wurden, haben ihre Gültigkeit. „Doch viele neigen dazu, sich bei der Testamentsformulierung zu überschätzen“, sagt Groll. „Das Erbrecht ist hochkompliziert, voller Tellerminen, zivilrechtlich und steuerrechtlich.“

Wenn es sich allerdings um „einfache“ Konstellationen handelt, wie ein Ehepaar ohne Kinder, dann könne man durchaus auf ein Muster-Formular zurückgreifen und die Verfügung selbst aufsetzen, meint Fritz.

Generell gilt: Je umfangreicher und komplizierter die familiären und finanziellen Verhältnisse sind, desto ratsamer ist ein Gang zum Spezialisten. Dort sollte man vorab nach den anfallenden Kosten fragen.

Stefanie Backs

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