Die große Einkaufstour im Ausland

- Frankfurt - Die deutschen Unternehmen machen sich international auf Einkaufstour. BASF will den US-Konkurrenten Engelhard schlucken, Linde den britischen Rivalen BOC und der Energieriese Eon die spanische Endesa für 29 Milliarden Euro. Nachdem die Konzerne jahrelang gespart haben, sind sie hungrig. Prall gefüllte Kassen und günstige Kredite erleichtern die Suche nach strategischen Zielen.

"Die Dax-Unternehmen haben die Schockstarre nach dem Zusammenbruch des Neuen Marktes überwunden und Mut gefasst, nach neuen Märkten zu suchen", sagt der Chefvolkswirt der Deka-Bank, Ulrich Kater. Da biete sich das Ausland an, weil der heimische Markt zu klein und die Nachfrage in Deutschland zu schwach sei.

Nach Angaben des Informationsdienstes Thomson Financial haben deutsche Unternehmen allein in den ersten beiden Monaten des Jahres 52 Zukäufe für insgesamt 84 Milliarden Dollar angekündigt - das ist bereits fast doppelt so viel wie im gesamten Vorjahr.

Die Schattenseite der Shoppingtour im Ausland trifft die deutsche Wirtschaft im Kern: Satte Gewinne ziehen keineswegs Investitionen im Inland nach sich. Trotz Rekordüberschüssen sind die Löhne in Deutschland kaum gestiegen, und die Arbeitslosigkeit verharrt auf Rekordniveau. "Es bleibt beim relativen Niedergang in Deutschland", sagt der Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer. "Das sind eben die Spielregeln der globalen Wirtschaft." Das Kapital suche sich den besten Wirt.

Dass die Gewinne wesentlich stärker als die deutsche Wirtschaftsleistung wachsen, die 2005 um 0,9 Prozent zulegte, liegt an den boomenden Exporten. Die Dax-Unternehmen machen inzwischen mehr als die Hälfte ihrer Gewinne im Ausland und verlagern Produktion dorthin. Die deutschen Arbeitnehmer stehen in hartem Wettbewerb - und das dämpft den Lohnauftrieb.

Die Schere zwischen Unternehmenseinkommen und Löhnen geht in Deutschland auseinander. So kletterten in den vergangenen zehn Jahren von 1995 bis 2005 laut Statistischem Bundesamt die Unternehmens- und Vermögenseinkommen um 38,7 Prozent. Der Zuwachs war drei Mal so hoch wie das Plus bei den Nettolöhnen und -gehältern, die nur um 13,3 Prozent zulegten und real sogar um 1,7 Prozent sanken.

Die niedrigen Lohnsteigerungen gelten als eine wesentliche Ursache für den schwachen Konsum, der in Deutschland seit vier Jahren nicht anspringt. Der Konsum ist aber ganz entscheidend für den Aufschwung, weil er zwei Drittel der Wirtschaftsleistung trägt. Die Gewerkschaften fordern deshalb in der gerade begonnenen Tarifrunde, mit Lohnzuwächsen von fünf Prozent die Kaufkraft zu stärken.

"Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist das kurzsichtig", kritisiert die Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen, Gertrud Traud. "Wenn die Löhne zu stark steigen, mindert das die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, sodass sie im nächsten Jahr Leute entlassen müssen." Dann sinke die Beschäftigung und die erhofften positiven Auswirkungen auf den Konsum blieben aus. Diese Einschätzung teilt die Mehrheit der Ökonomen. Die Realität am Arbeitsmarkt sieht jedoch anders aus: Trotz geringer Lohnsteigerungen ging allein im vergangenen Jahr die Beschäftigung um rund 121 000 Erwerbstätige zurück.

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