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Große Runde: Im Berliner Bundeskanzleramt trafen sich Vertreter der Bundesregierung, von Wirtschaft und Gewerkschaften, um über Maßnahmen gegen die Konjunkturkrise zu beraten.

Konjunkturgipfel in Berlin

Großkonzerne bieten Jobgarantie an

München - In Krisenzeiten wollen Dax-Unternehmen ein Zeichen setzen: Einige haben einen Verzicht auf Kündigungen im Rezessionsjahr 2009 in Aussicht gestellt. Den Anstieg der Arbeitslosigkeit wird das nicht bremsen - zumal es längst Beschäftigungsgarantien gibt.

Sieben Stunden saßen Politiker, Wirtschaftsbosse und Gewerkschafter in der Nacht zum Montag im Berliner Kanzleramt zusammen. Doch der Krisengipfel zur wirtschaftlichen Lage der Nation ergab nur wenig Greifbares: Die Entscheidung über ein zweites Konjunkturpaket verschiebt die Bundesregierung ins neue Jahr, wie Wirtschaftsminister Michael Glos hernach erklärte. Bis dahin werden Arbeitsgruppen aktiv. Eine davon soll Maßnahmen gegen die gefürchtete Kreditklemme ersinnen, eine andere prüft den Einsatz arbeitsmarktpolitischer Instrumente.

Für Aufsehen bei dem Spitzentreffen an der Spree sorgte ein Vorstoß von PZOeter Löscher. Der Siemenschef bot im Verlauf der Gespräche einen Kündigungsverzicht im kommenden Jahr an. Andere Topmanager in der Runde wie der Telekom-Vorstandsvorsitzende René Obermann und Deutsche-Bank-Boss Josef Ackermann zeigten sich ebenso aufgeschlossen wie Angela Merkel. Nun will die Kanzlerin mit den 30 im Aktienindex Dax notierten Großunternehmen über einen Verzicht auf Entlassungen verhandeln.

Den von allen Seiten prophezeiten Stellenabbau im neuen Jahr würde eine solche Vereinbarung allerdings nicht stoppen. "Die Öffentlichkeit schaut gerne auf die großen Konzerne, doch deren Bedeutung für den Arbeitsmarkt ist vergleichsweise gering", sagte Hilmar Schneider, Direktor für Arbeitsmarktpolitik am Bonner Institut IZA unserer Zeitung. Nur vier bis fünf Prozent der Beschäftigten in Deutschland arbeiten für die Dax-Firmen, während 75 Prozent bei kleinen bis mittelgroßen Betrieben beschäftigt sind. Den Effekt einer Selbstverpflichtung der Großen auf die Job-Statistik hält Schneider aus diesem Grund für begrenzt.

Anders sehe es aus, wenn der Mittelstand eine Selbstverpflichtung abgibt. Dessen Vertreter schließen eine pauschale Beschäftigungsgarantie jedoch aus. "Lippenbekenntnisse helfen niemandem", erklärte Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbands mittelständischer Wirtschaft auf Nachfrage. Er sei aber überzeugt, dass der Mittelstand 2009 trotz schwierigster Rahmenbedingungen seiner Verantwortung gerecht würde. An der Beschäftigungspolitik der Großunternehmen in der Vergangenheit übte Ohoven Kritik: "Während von den Konzernen zehntausende Mitarbeiter auf die Straße gesetzt wurden, hat der Mittelstand hunderttausende sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze geschaffen."

Zweifel am Sinn des Angebots der Dax-Riesen kommen auf, weil Jobgarantien bereits vorliegen. "Was die Unternehmenschefs versprechen wollen, ist teilweise längst vereinbart", sagte IZA-Forscher Schneider. So sprach Siemens im August einen Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen aus, als der Konzern den Abbau von über 5000 Stellen in Deutschland bekannt gab. Bei BMW läuft noch bis 2014 eine Beschäftigungsgarantie für die Stammbelegschaft. Auch bei MAN sind die Arbeitsplätze der Konzern-Mitarbeiter gesichert. Ähnliches haben die Telekom, Bayer oder die Bahn in ihren Tarifverträgen festgeschrieben.

Trotzdem gewinnen Beobachter einem Kündigungsverzicht der Unternehmen Positives ab. Hilmar Schneider spricht von einem "wichtigen Signal". "Die Unternehmen bekennen sich zu den ausgehandelten Vereinbarungen, obwohl sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verschlechtert haben", sagte der Ökonom. Ähnlich äußerte sich der Arbeitsmarktexperte Holger Schäfer vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln: "Eine Jobgarantie gibt zumindest den Beschäftigten bei den Dax-Firmen Sicherheit und stützt dadurch den Konsum."

Wirtschaftsforscher rechnen wegen des Konjunktureinbruchs ab dem Frühjahr mit dem Verlust zehntausender Stellen in Deutschland. "Die Zahl der Arbeitslosen wird im kommenden Jahr deutlich zunehmen", sagte Schneider. Allerdings wird die Arbeitslosigkeit nach seiner Ansicht nicht mehr das in der Vergangenheit erreichte Ausmaß annehmen, da die Unternehmen Fachkräfte binden wollen. Schneider: "Die Dinge werden sich nicht katastrophal zum Schlechten wenden."

Florian Ernst

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