Großrazzia: Korruptionsaffäre erschüttert Chipkonzern Infineon

- München - Nach Volkswagen erschüttert nun auch den Münchner Halbleiterhersteller Infineon eine Korruptionsaffäre. Die Staatsanwaltschaft München I ermittelt wegen des Verdachts auf Bestechlichkeit, Untreue und Steuerhinterziehung gegen Top-Manager des Chipherstellers. Bei einer Großrazzia sind die Infineon-Zentrale sowie Büros und Wohnungen in Deutschland und der Schweiz durchsucht worden. Vorstand Andreas von Zitzewitz (45) hat seinen Rücktritt erklärt.

Der für die Speicherchipsparte zuständige Vorstand von Zitzewitz (siehe auch "Gesicht des Marktes") soll zusammen mit einem anderen Manager Lieferanten des Konzerns dazu gedrängt haben, Motorsport-Veranstaltungen zu sponsern. Dafür hätten die Manager Vermittlungsprovisionen von der Schweizer Sponsoring-Agentur BF Consulting erhalten. Von Zitzewitz soll so 259 000 Euro kassiert und nicht versteuert haben, wie der "Focus" unter Berufung auf Angaben der Staatsanwaltschaft berichtet. Harald Eggers, bis zum vergangenen Jahr Manager in der Speicherchipsparte, soll 41 000 Euro eingesteckt haben. Zudem wird gegen den Betreiber der Sponsoring-Agentur, Udo Schneider, ermittelt.Schneider selbst hat die Ermittlungen ausgelöst und sich so auch selbst belastet. Anlässlich eines Rechtsstreits zwischen seiner Agentur und Infineon wegen eines vorzeitig gekündigten Sponsoring-Vertrages war es zu einer nichtöffentlichen Verhandlung vor dem Münchner Landgericht gekommen. Dabei hatte Schneider erwähnt, dass er Zitzewitz über drei Jahre hinweg 300 000 Euro bezahlt hätte. Diese Bemerkung führte zu Vorermittlungen, die die Eröffnung eines Ermittlungsverfahrens und eine Großrazzia zur Folge hatten. Insgesamt etwa hundert Staatsanwälte, Polizeibeamte und Steuerfahnder haben am vergangenen Freitag die Konzernzentrale von Infineon sowie Büros und Wohnungen in Deutschland und der Schweiz durchsucht.Zitzewitz wolle das Unternehmen nicht mit den laufenden Untersuchungen belasten und sich voll auf das sich abzeichnende Verfahren konzentrieren, teilte Infineon als Begründung für den Rücktritt mit. "Wir erwarten, dass der Aufsichtsrat diesen Rücktritt annehmen wird", erklärte der Infineon-Vorstandsvorsitzende Wolfgang Ziebart. Er wird nach Informationen aus Branchenkreisen voraussichtlich kommissarisch die Leitung der Speicherchip-Sparte übernehmen. Langfristig muss er einen neuen Manager für das Geschäft suchen, das als besonders schwierig gilt und möglicherweise im Herbst als eigenständiges Unternehmen an die Börse gebracht werden soll."Wir unterstützen die Behörden in jeder Hinsicht bei ihren Ermittlungen. Wir sind ebenso an einer vollständigen Aufklärung interessiert", erklärte Infineon-Chef Ziebart. Der Konzern war gewarnt worden. Nach entsprechenden Hinweisen hatte es bereits vor einiger Zeit eine interne Untersuchung zu so genannten Kickback-Zahlungen an Zitzewitz gegeben. Dabei habe man aber keine Belege für derartige Machenschaften gefunden, hieß es. Aufsichtsratschef Max-Dietrich Kley verfolgte die Vorwürfe offenbar nicht weiter.Das Unternehmen stellte klar, dass Infineon nach dem Ausscheiden des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Ulrich Schumacher so weit möglich alle Engagements im Motorsport beendet habe. Infineon selbst sei nicht Gegenstand der Ermittlungen. Ein Sprecher des Konzerns wollte sich nicht dazu äußern, ob Infineon Schadensersatzansprüche gegen von Zitzewitz geltend machen werde, falls sich die Vorwürfe bestätigen sollten.

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