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Rüdiger Grube.

Rüdiger Grube wirft hin

Das müssen Sie über den plötzlichen Abgang des Bahnchefs wissen

Berlin - Überraschend ist Bahnchef Rüdiger Grube zurückgetreten. Der Rückhalt und das Vertrauen der Politik fehlten am Ende. Und der designierte Nachfolger hat plötzlich eher schlechte Karten.

Ein paar unentwegte Gegner des Bahn-Projekts Stuttgart 21 harrten gestern vor der Zentrale des Konzerns aus. Vor dem Eingang rollte der autonom fahrende Kleinbus „Olli“ der Bahn auf und ab. Das sollte den zu einer Sondersitzung zusammengetrommelten Aufsichtsräten signalisieren, dass die Bahn auf dem Weg in die Digitalisierung vorangekommen ist. Eigentlich sollte dies das Hauptthema des Treffens der Kontrolleure sein, die am Rande auch noch den Vertrag mit Vorstandschef Rüdiger Grube verlängern wollten. Eine Formsache, so schien es. Doch es kam anders.

Denn Grube bat den Aufsichtsrat um eine sofortige Auflösung seines bis Jahresende laufenden Vertrags. Das Gremium entsprach der Bitte. Die Nachricht überraschte selbst enge Mitarbeiter des Vorstandschefs. Von „blankem Entsetzen“ war die Rede. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach von einer „nicht zu erwartenden Wendung“. Den CDU/CSU-Verkehrsexperten im Bundestag, Ulrich Lange, erwischte die Nachricht während einer Sitzung im Kreisausschuss im heimischen Donau-Ries. Er sei „sehr überrascht“, sagte Lange dann.

Anlass der spektakulären Entscheidung Grubes waren wohl die Vertragsmodalitäten, über die im Hintergrund monatelang gefeilscht wurden. Der Bahnchef wollte drei weitere Jahre die Geschicke der Bahn lenken. Und er pochte auf eine höhere Vergütung. Wie aus Bahnkreisen verlautete, einigte man sich auf einen Mittelweg: Drei Jahre Vertragslaufzeit ab 2018, aber keine Gehaltserhöhung. Am Sitzungstag war nur noch von einer zweijährigen Verlängerung des Kontraktes die Rede. Die Sitzung verlief dann turbulent. Einer der Aufsichtsräte, der frühere RWE-Boss Jürgen Großmann, stellte die Vertragsverlängerung infrage. Daraufhin stellte sich auch die Arbeitnehmer-Seite im 20-köpfigen Gremium quer. Sie verließ die Sitzung. Auch eine Intervention von Dobrindts Staatssekretär, der eine Vertagung der heiklen Personalie anregte, nutzte nichts mehr. Grube schmiss im Zorn hin: Er biete an, seinen Vertrag sofort aufzulösen. Einhellig nahm der Aufsichtsrat das an.

Grubes Rückendeckung durch den Bund war in den letzten Jahren geschwunden. Vor allem der Verlust von 1,3 Milliarden Euro 2015 missfiel dem Aufsichtsrat. Einen Eindruck lieferte Verkehrsminister Dobrindt während einer Bahnfahrt mit Grube und Journalisten. Forsch diktierte der Politiker Medienvertretern drei Bedingungen für eine Vertragsverlängerung in die Blöcke. Die Bahn müsse wieder Gewinne erwirtschaften, pünktlicher fahren und bei der Digitalisierung vorankommen, womit ein funktionierendes WLAN in der zweiten Klasse der Fernzüge gemeint war. Grube saß während dieses Vorgangs nur eine Reihe weiter im Zug und bekam davon nichts mit.

Ronald Pofalla.

Die Vorgaben indes erfüllte Grube. Rund 1,8 Milliarden Euro Gewinn vor Steuern und Zinsen stehen in seiner letzten Bilanz. Der Pünktlichkeitswert lag 2016 mit 79 Prozent nur wenig unter der Zielmarke von 80 Prozent. Und die Reisenden in der zweiten Klasse können während der Fahrt auf den meisten Streckenabschnitten im Internet surfen.

Die Nachfolgeregelung ist nun offen. Der Verkehrsminister verspricht eine „zügige“ Suche, will aber keine Namen nennen. Der neue DB-Chef dürfte zwischen Union und SPD ausgehandelt werden. Ein Name steht im Raum: Roland Pofalla, früherer Kanzleramtsminister und jetziger Politikvorstand des Unternehmens. Anfang 2015 wechselte der einstige CDU-Politiker nach einer Karenzzeit von einem Jahr auf den Managerposten bei der Bahn. Doch der jähe Abgang Grubes könnte Pofalla, der in der Öffentlichkeit wenig beliebt ist und dessen Angriff auf Wolfgang Bosbach („ich kann deine Fresse nicht mehr sehen“) viele für unverzeihlich halten, einen Strich durch die Rechnung machen.

Denn der Union wird im Wahljahr kaum an einer Debatte über Belohnungsposten für verdiente Parteikämpfer gelegen sein.

Nun wird vorerst Finanzvorstand Richard Lutz die Geschäfte des Konzerns mit weltweit rund 300 000 Beschäftigten leiten. Der SPD-Verkehrsexperte Martin Burkert nennt schon erste inhaltliche Vorgaben: Der neue Bahnchef müsse „Qualität und Zuverlässigkeit“ voranbringen und die defizitäre Güter-Sparte sanieren. Leicht dürfte die Suche nicht fallen. Bundesweit gelten nur wenige Manager als geeignet für den Posten im Staatskonzern, der ein ganz anderes Anforderungsprofil mit sich bringt als bei einem normalen Unternehmen. Ein Bahnchef muss sich nicht nur um die Bilanz kümmern, sondern auch eng mit der Politik zusammenarbeiten und in der Öffentlichkeit präsent sein. Der frühere Daimler-Mann Grube konnte mit allen Beteiligten.

Doch er machte auch Fehler. Zum Beispiel nahm die Bahn die neue Konkurrenz der Fernbusse erst sehr spät ernst. Besonders die Pünktlichkeit ließ zu wünschen übrig. Grube riss das Steuer mit dem Programm „Zukunft Bahn“ spät herum. Aber die Erfolge des Strategiewechsels sind erst in Anfängen sichtbar. Dazu wird dem Vorstand noch das finanzielle Desaster beim Bau des Projekts Stuttgart 21 angelastet. Kritiker fordern nun prompt, „S21“ zu stoppen.

Dirk Walter und Wolfgang Mulke

Lesen Sie einen Kommentar zum Rücktritt des Bahnchefs von Dirk Walter

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