+
Das Namensschild von Cornelius Gurlitt in Salzburg: In seiner Münchner Wohnung hatten Ermittler die Sammlung seines Vaters gefunden. Gurlitt fürchtet um seinen Ruf, sein Betreuer engagierte  Holzinger.

Merkur-Interview

Gurlitt-Berater: "Geimniskrämerei schadet Ruf“

  • schließen

München - Der Krisenberater Stephan Holzinger im Merkur-Interview. Der 46-Jährige berät Top-Manager und reiche Familien in Krisen. Auch Cornelius Gurlitt zählt zu seinen Kunden.

Stephan Holzinger kommt zum Einsatz, wenn Menschen um etwas sehr wertvolles bangen – um ihren guten Ruf. Davon hängt oft ihre Existenz ab. Der 46-Jährige, der in Lenggries lebt, berät Top-Manager, Konzerne und reiche Familien in Krisen und während Rechtsstreitigkeiten. Vor einigen Wochen hat Holzinger die Kommunikation für den Schwabinger Kunstsammler Cornelius Gurlitt übernommen. Wir sprachen mit ihm über seinen Beruf und warum es Ruf-Retter wie ihn überhaupt braucht.

Herr Holzinger, wie geht das – Ruf-Rettung?

Es gibt verschiedene Strategien. Manche drängen in die Öffentlichkeit. Es geht um Rufzerstörung – dagegen wappnen sich Firmen oder Personen, indem sie die schwache Substanz der Vorwürfe aufdecken. Andere gehen transparent mit kritischen Themen um. Das honoriert die Öffentlichkeit. Geheimniskrämerei, Arroganz und Salamitaktik hingegen sind ein sicheres Rezept für einen massiven Rufschaden. Wieder andere bereiten sich darauf vor, ein kritisches Thema kommunizieren zu können, wenn es darauf ankommt. Sie hoffen aber, dass die Medien sie gar nicht erst ent- oder aufdecken.

Ein Beispiel?

Das reicht vom Junior einer reichen Familie, der auf einer Party beim Kokainschnupfen fotografiert wird bis hin zu Konzernen, die ihre Leichen im Keller hinsichtlich medialer Brisanz bewerten lassen. Jeder Fall braucht ein eigenes Rezept. Oft bereite ich eine Homepage mit Informationen vor, die im Notfall innerhalb von Sekunden freigeschaltet wird. So bestimmt man den Nachrichtenfluss von Anfang an mit und arbeitet aktiv gegen eine Vorverurteilung.

Auch für Gurlitt haben Sie eine Homepage erstellt. Warum braucht er jemanden wie Sie?

Der Fall ist sehr besonders, rechtlich komplex, mit immensem politischen Druck und einer historisch-moralischen Komponente – er passt nicht in das klassische Spektrum meiner Mandate. Ich will mich nicht vertieft dazu äußern, nur soviel: Gurlitt hat sich sehr lange weder rechtlich, noch kommunikativ gewehrt und ist daher in vielen Medien unzutreffend dargestellt worden. Auch geht es ihm um ein etwas differenziertes Bild seines Vaters. Der war eben nicht nur ein führender Kunsthändler des Hitler-Regimes, sondern hat Großes für die Museumslandschaft hierzulande geleistet, auch nach dem Krieg.

Ist Gurlitts Ruf denn wirklich ruiniert?

Nein, er wurde zwar beschädigt. Aber wir haben in den vergangenen Wochen ein sehr viel differenzierteres Bild über ihn etablieren können – und den tatsächlichen Sach- und Rechtsverhalt.

"Erfolgreiche Menschen glauben, sie können auch Krise"

Gurlitt hat zurückgezogen gelebt, die mediale Welt ist ihm fremd. Aber es gibt ja immer wieder auch Prominente, die sich falsch verkaufen...

Manchmal traut man seinen Augen und Ohren nicht. Alice Schwarzer nach ihrer Steueraffäre zum Beispiel. Sie ist ein ausgebuffter Medienprofi, hat sich über Jahrzehnte eine respektable gesellschaftliche Position aufgebaut – und dann meldet sie sich mit einem Statement zu Wort, in dem sie ihre Tat mit Parallelen zur Flucht der Juden aus dem Dritten Reich rechtfertigt. Das ist unterirdisch.

Was lief da schief?

Wie so oft bei erfolgreichen Menschen: Sie glauben, sie können eben auch Krise. Dabei sind sie zu sehr persönlich betroffen, als dass sie professionell an deren Bewältigung herangehen könnten. Das war auch bei Uli Hoeneß nicht anders. Seine Versuche, sich und sein Fehlverhalten zu erklären, waren Stückwerk, handwerklich miserabel und folgten keiner Strategie. Dabei ist er ansonsten ein absoluter Vollprofi. Aber eben nicht in eigener Sache.

Nehmen Sie eigentlich jeden Kunden – egal, was er angestellt hat?

Auf gar keinen Fall. Sogenannte Blut- und Sperma-Fälle, entschuldigen Sie bitte den Ausdruck, lehne ich grundsätzlich ab. Genauso wie Interessenten, die mich quasi als medialen Auftragskiller anheuern wollen, um einen Konkurrenten über die Öffentlichkeit gezielt zu beschädigen und ihn so aus dem Weg zu räumen.

Sowas gibt’s wirklich?

Oh ja, ich stelle seit längerer Zeit eine zunehmende Verrohung der Sitten fest. Da geht es mal um Geschäfte und Geld, mal um den Liebhaber der eigenen Frau, an dem man sich mit einer Schmutzkampagne rächen will. Auch in den Top-Wirtschaftsetagen gibt es kaum noch Grenzen bei der Wahl der Mittel.

Das klingt nach Stoff für einen Thriller!

Ich hatte mal einen schlimmen Fall in den USA: Der Vorstandschef der dortigen Niederlassung einer deutschen Bank wurde mit fingierten Kinderpornovorwürfen geschasst und in den Medien diskreditiert – dabei wurde nachts in sein eigenes Büro eingedrungen und dort alles manipuliert. Er wurde von seinem Arbeitgeber und den Medien rehabilitiert und finanziell entschädigt. Aber will man das erleben?

Wird man so eine Geschichte jemals los?

Schwierig in Zeiten von Google, Facebook und Twitter. Aber nicht unmöglich. In jedem Fall aber teuer. Ein Problem sind die vielen Durchstechereien von geheimen Ermittlungsinformationen.

Sie spielen auf die Rolle von Staatsanwälten an?

Ja, auf Staatsanwälte, die öffentlich gegen Beschuldigte agieren, deren Schuld aber gerichtlich noch gar nicht feststeht. Häufig fällt die Anklage ja in sich zusammen oder es bleibt am Ende nicht mehr viel davon übrig. Oft jahrelange Ermittlungen kommen für viele Beschuldigte aber einem Berufsverbot gleich. Vorverurteilt sind sie gleich, aber es kann fünf, sechs Jahre dauern, bis ihre Unschuld gerichtlich feststeht. Das ist im heutigen schnelllebigen Geschäftsleben tödlich. Viele fürchten daher den Gerichtssaal der Öffentlichkeit mehr als den eigentlichen Prozess.

Woher kommt die Lust der Menschen an diesen virtuellen Hetzjagden?

Den Pranger kennen wir ja nun schon seit dem Mittelalter. Das Computerzeitalter beschleunigt diese Lust nur und entfesselt sie durch die häufige Anonymität. Neu ist, dass die Gesellschaft spürt, dass viele Gesetze nicht oder nicht mehr für das taugen, was für alle spürbar schief läuft. Viele denken: Wenn es das Gesetz nicht richten kann, dann muss es eben die Mediengesellschaft richten. Eine Art Ersatzgerechtigkeit.

Wir leben doch in einem Rechtsstaat. Warum braucht es Ruf-Retter wie Sie denn eigentlich?

Auch Richter und Staatsanwälte sind nur Menschen, auch sie lassen sich von öffentlicher Meinung zu einem gewissen Grad beeinflussen. Das ist zwar ein Denktabu in unserer Gesellschaft. Aber ein Fakt. Das belegen auch wissenschaftliche Studien.

Aber nicht jeder kann sich einen Berater wie Sie leisten. Sie sind sicher nicht günstig, oder?

Ich werde von Vorständen, Aufsichtsräten, Konzernen und vermögenden Familien beauftragt und auf Stunden- oder Tagessatzbasis bezahlt. Die können sich das leisten. Als Privatperson haben Sie einen gesetzlichen Anspruch zumindest auf einen Pflichtverteidiger, aber nicht auf einen Berater wie mich. Das ist ungerecht und fühlt sich auch nicht gut an. Als Unternehmer profitiere ich von dieser unguten Entwicklung, aber ich bin auch Staatsbürger. Und als solcher sage ich Ihnen: Das ist sehr bedenklich.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

VW kündigt Serienfertigung von E-Bulli und E-Transporter an
Volkswagen hat die Serienproduktion einer E-Variante seiner Neuauflage des VW Bulli angekündigt.
VW kündigt Serienfertigung von E-Bulli und E-Transporter an
Frühere Kaiser's Tengelmann-Märkte profitieren offenbar von Übernahme
Für viele noch ein ungewohnter Anblick: Die Kaiser‘s Tengelmann-Märkte verschwinden nach und nach. Edeka und REWE übernahmen die Märkte. Und das offenbar mit Erfolg.
Frühere Kaiser's Tengelmann-Märkte profitieren offenbar von Übernahme
Air Berlin: Monopolkommission warnt vor Bevorzugung der Lufthansa
Im Ringen um die Aufteilung der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin hat der Vorsitzende der Monopolkommission, Achim Wambach, vor einer politisch motivierten …
Air Berlin: Monopolkommission warnt vor Bevorzugung der Lufthansa
VW will E-Bulli ab 2022 in Serie produzieren
Pebble Beach (dpa) - Volkswagen entwickelt seinen E-Bulli ID Buzz für die Serienproduktion weiter. "Er ist eine wichtige Säule in der Elektro-Offensive von Volkswagen …
VW will E-Bulli ab 2022 in Serie produzieren

Kommentare