UN-Tribunal: Ratko Mladic zu lebenslanger Haft verurteilt

UN-Tribunal: Ratko Mladic zu lebenslanger Haft verurteilt
+
Jürgen Gros, der Präsident des Genossenschaftsverbands Bayern.

Interview mit GVB-Präsident Jürgen Gros

„Weitere Banken werden fusionieren“

München - Ende November hat die Unesco die Genossenschaftsidee in die „Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit“ aufgenommen. Im Interview spricht Jürgen Gros, Präsident des Genossenschaftsverbands Bayern, 

Wir sprachen mit dem Präsidenten des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB), Jürgen Gros, über die Ehrung – und den Druck, den die Genossenschaften inzwischen zu spüren bekommen haben.

Herr Gros, wie fühlt man sich als Teil eines Weltkulturerbes?

Wir fühlen uns geehrt, dass die Unesco die seit 160 Jahren erfolgreiche Genossenschaftsidee zum immateriellen Kulturerbe ernannt hat. Das ist eine außerordentliche Anerkennung der Leistung der Genossenschaftspioniere Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch. Und das ist natürlich auch eine Würdigung des Engagements der 2,9 Millionen Genossenschaftsmitglieder in Bayern.

Sie können so gestärkt jetzt gegenüber der EU in Brüssel gleich ganz anders auftreten.

Nicht nur dort. Rückenwind von einer Weltorganisation wie der Unesco hilft bei der Interessenvertretung immer.

Was sind denn die Probleme?

Ein Ärgernis für uns ist nach wie vor die nationale Umsetzung der EU-Wohnimmobilienkreditrichtlinie. Der Gesetzgeber in Deutschland hat die europäischen Vorgaben übererfüllt und damit unnötige Hürden für die Immobilienfinanzierung aufgebaut. Und die behindern jetzt vor allem Familien und ältere Menschen bei der Eigenheimfinanzierung. Das spüren die bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken, weil sie sich bei Immobilienfinanzierungen traditionell stark engagieren.

Kann man die Auswirkungen schon quantifizieren – nach einem Dreivierteljahr Erfahrung?

Wir verzeichnen bislang unter dem Strich keine Rückgänge bei der Kreditvergabe. Wir haben aber auch keine Zuwächse mehr, obwohl immer mehr Menschen eine Immobilie finanzieren möchten und die Konditionen günstig sind. Aus Gesprächen mit den GVB-Mitgliedsbanken ist uns bekannt, dass teilweise bis zu 30 Prozent der Kreditanträge aufgrund der neuen Regeln abgelehnt wurden. Oft müssen die Banken Klimmzüge machen, um noch eine Finanzierung hinzubekommen – etwa durch Bürgschaften. Ich kenne den Fall eines Landrates, der 62 Jahre ist und noch drei Jahre Amtszeit hat. Dem musste seine Bank erklären, dass er nicht kreditwürdig ist. Das ist absurd.

Die Verbraucherzentralen haben sich positiv über die Kreditrichtlinie geäußert, weil Banken Kunden nicht mehr in ihr Unglück laufen lassen dürfen.

Das ist doch an den Haaren herbeigezogen. Die Ausfallquote bei den von den bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken vergebenen Immobilienkrediten liegt bei gerade einmal 0,3 Prozent. Das ist ein ausgesprochen niedriger Wert, der zeigt, dass die Kredite schon vor Inkrafttreten der neuen Regeln verantwortungsbewusst vergeben wurden. Wir haben in Deutschland eine ganz andere Kultur als in vielen anderen Ländern. Die Beleihungsquoten sind niedriger, Finanzierungen über 70 oder 80 Prozent gibt es kaum. Entwicklungen wie in Spanien oder Irland, wo die Immobilienmärkte zusammengebrochen sind, sind bei uns deshalb kaum vorstellbar.

Die Regulatorik ist das eine Problem der Banken, das andere sicher das anhaltende Niedrigzinsumfeld.

Wir sind darauf eingestellt, dass sich der geldpolitische Kurs der EZB nicht so schnell ändern wird. Das wird sich massiv auf die Ergebnisstruktur bei den Banken auswirken. Es besteht die Gefahr, dass das viele billige Geld unproduktiv verwendet wird. Dann können sich Blasen aufbauen. Es ist dringend notwendig, dass die Preissignale wieder in Kraft gesetzt werden und die Zinsen steigen.

Sind Ihre Banken auf einen schnellen Zinsanstieg vorbereitet? Große Zinssprünge könnten kleinen Banken das Genick brechen.

Die bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken haben die Zinsänderungsrisiken im Blick. Die Aufsicht verlangt schon heute von ihnen, Zinsschockrechnungen durchzuführen. Dabei wird ein plötzlicher Marktzinsanstieg um zwei Prozent simuliert. So ein Szenario wäre kurzfristig schmerzhaft, aber für die Volksbanken und Raiffeisenbanken darstellbar.

Schmerzhaft heißt, die Banken würden Verluste schreiben?

Die Institute hätten zumindest kurzfristig einen deutlichen Einbruch im Betriebsergebnis zu verzeichnen. Aus Simulationen wissen wir, dass sich die Volksbanken und Raiffeisenbanken dann aber zügig erholen würden. Mit größeren Schwierigkeiten rechnen wir deshalb nicht. Die Banken bereiten sich auf das Szenario vor und neigen insgesamt zu kürzeren Kreditlaufzeiten. Sie werden kaum noch ein Institut finden, das einen 15-jährigen Kredit ausreicht. Viele finanzieren nur noch über sechs, sieben Jahre.

Kostenlos-Mentalität zählt nicht zu Strategie der bayerischen Volks- und Raiffeisenbanken

Die gegenwärtigen Niedrigzinsen führen für die Kunden auch zu steigenden Bankgebühren.

Die Kostenlos-Mentalität zählte noch nie zur Geschäftsstrategie der bayerischen Volks- und Raiffeisenbanken. Es gibt bei den Instituten allenfalls vereinzelt kostenfreie Girokonten, zum Beispiel für Schüler oder Studenten. Aber Sie haben grundsätzlich Recht: Wir sind in einer Situation, in der Leistungen intensiver bepreist werden. Das ist aber auch etwas Normales. Banken erbringen Dienstleistungen, und die sind etwas wert. In anderen europäischen Ländern ist das selbstverständlich. Selbst die Bankenaufsicht Bafin hat die niedrigen Gebühren in Deutschland moniert.

Es gibt in einigen Ländern Indizien für die Abschaffung des Bargeldes. Muss uns das Sorge bereiten?

Ich nehme diese Diskussion sehr ernst. Schließlich geht es um Freiheitsrechte. Die Frage ist doch: Darf der Gesetzgeber bestimmen, wie ich bezahle? Da sollte niemand eine leichtfertige Entscheidung treffen.

Bargeld kann ja auch gehortet werden, um negativen Zinsen zu entgehen.

Das stimmt. Die Politik muss aber aufpassen, dass sie nicht Allianzen mit einer Zentralbank eingeht, die ihre eigenen Motive verfolgt. Ich empfinde die Diskussion um die Abschaffung des Bargelds als unglückselig. Man sollte die Menschen nicht bevormunden. Es gibt auch Bestrebungen, das Bankgeheimnis weiter zu lockern. Die Finanzbehörden sollen künftig verdachtsunabhängig Kontenbewegungen prüfen dürfen, ohne dass Betroffene davon erfahren. Es gibt Grenzen, die ein freiheitlicher Staat nicht überschreiten soll.

Stichwort Negativzins: Hat es Sie geärgert, dass die Raiffeisenbank Gmund am Tegernsee Negativzinsen genommen hat?

Warum hätte mich das ärgern sollen? Die Raiffeisenbank Gmund am Tegernsee hat betriebswirtschaftlich gehandelt. Sie hat festgestellt, dass einige ihrer Kunden sehr hohe Beträge auf den Konten liegen hatten, wodurch ihr aufgrund der Negativzinsen der EZB erhebliche Kosten entstanden sind. Statt diese Kosten auf alle umzulegen, hat das Institut diesen Kunden aufgezeigt, wie sie ihr Geld ertragreicher anlegen können – ohne dass der Bank Kosten entstehen. In fast allen Fällen wurden Lösungen gefunden. Es ist doch nicht verwerflich, wenn eine Bank mit ihren Kunden keinen Verlust machen will.

Banken reagieren auf das Zins- und Branchenumfeld auch mit Filialschließungen. Wie ist die Entwicklung bei Ihnen?

Die Volksbanken und Raiffeisenbanken haben zu Jahresbeginn rund 2780 Filialen in Bayern unterhalten. Wir gehen davon aus, dass sich die Anzahl seitdem in einer Größenordnung wie im Vorjahr verringert hat. Damals waren es rund 140 Filialen. Geschlossen werden in der Regel Kleinstfilialen, die mit ein oder zwei Mitarbeitern besetzt sind. Mit rückläufigen Kundenzahlen hat das übrigens nichts zu tun. Wir sind stabil bei mehr als sechs Millionen Kunden. Doch diese sechs Millionen Kunden besuchen die Filialen heute seltener als früher, weil sie für einfache Geldgeschäfte wie Überweisungen das Internet oder ihr Smartphone nutzen. Was die Kunden aber auch in Zukunft brauchen, ist Hilfestellung und Beratung bei der Organisation ihrer Finanzen. Ich wage die These, dass dieses Bedürfnis noch zunehmen wird. Es wird also auch in Zukunft Geschäftsstellen geben.

Warum lässt man, wenn man Filialen schließt, nicht wenigstens einen Geldautomaten stehen?

Das passiert durchaus. Allerdings ist der Geldautomat in einer Filiale mit der teuerste Bestandteil der Infrastruktur. Da geht es um fünfstellige Beträge pro Jahr und Stück. Deshalb überlegen sich die Banken genau, ob sie überall einen Geldautomaten aufstellen oder ob es nicht reicht, dort präsent zu sein, wo das Geld auch ausgegeben wird: also in der Nähe von Einkaufsmöglichkeiten.

Wie steht es mit Fusionen ganzer Banken?

In Bayern hatten wir 2016 nach derzeitigem Stand zwölf Fusionen. Im nächsten Jahr rechnen wir mit 14 bis 16 Zusammenschlüssen.

Was wäre eine gute Zahl von Genossenschaftsbanken in Bayern?

Es gibt keine gute oder schlechte Zahl. Wichtig ist, dass die Banken in ihrer Substanz gesund sind und bleiben. Dazu tragen die Fusionen bei. Und ich gehe derzeit davon aus, dass der Trend bis zum Ende des Jahrzehnts anhält.

Also zehn bis zwölf Fusionen im Jahr.

Das kann ich mir gut vorstellen.

Interview: Georg Anastasiadis, Corinna Maier, Martin Prem, Sebastian Hölzle

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Wirtschaft: Alle Parteien bei Regierungsbildung gefordert
Die deutsche Wirtschaft mahnt die rasche Bildung einer stabilen Regierung an - und sieht jetzt nicht nur Union, FDP und Grüne am Zug.
Wirtschaft: Alle Parteien bei Regierungsbildung gefordert
Dax unterbricht Erholungskurs - Anleger warten ab
Frankfurt/Main (dpa) - Der Dax hat seinen jüngsten Erholungskurs vorerst abgebrochen. Nach einem verhaltenen Start rutschte der deutsche Leitindex bis zum Mittag noch …
Dax unterbricht Erholungskurs - Anleger warten ab
Thomas Cook profitiert von starker Nachfrage bei Condor
London (dpa) - Europas zweitgrößter Touristikkonzern Thomas Cook profitiert von einer starken Reisenachfrage und der Rückkehr des deutschen Ferienfliegers Condor in die …
Thomas Cook profitiert von starker Nachfrage bei Condor
Wirtschaft warnt vor Hängepartie bei Regierungsbildung
Digitalisierung, Bildung, Infrastruktur - bei diesen Themen erwartet die deutsche Wirtschaft Weichenstellungen von der Politik. Doch das kann jetzt dauern.
Wirtschaft warnt vor Hängepartie bei Regierungsbildung

Kommentare