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300 Teams, 300 Ideen: Beim Hackathon sollen Produkte fertig entwickelt werden. Siemens hofft auf eine Reihe von Patenten. Die Tüftler kommen aus 61 Ländern.

Vernetzte Produktentwicklung

Hackathon: Siemens lässt Mitarbeiter tüfteln

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1700 Siemensianer, 20 Stunden und 300 Ideen: Beim sogenannten Hackathon haben sich Siemens-Mitarbeiter aus 61 Ländern miteinander vernetzt, um neue Produkte zu entwickeln – von der Drohnenabwehr bis zum intelligenten Zugsitz.

München– Einstein: Man könnte sagen, der Name ist heute Programm am Siemens-Standort in Perlach. Angebrochene Kekspackungen, leere Colaflaschen und jede Menge Technik sind über die Tischreihen verteilt. Hunderte von jungen Leuten brüten über ihren Laptops. Bereits seit dem Vortag wird hier programmiert und entwickelt. In ein paar angrenzenden Büros stehen Feldbetten.

Hier hat auch Georg Kähler übernachtet, der den vielsagenden Spitznamen Einstein trägt. Jetzt steht der 29-Jährige in Jeans und Kapuzenpulli, mit ein wenig zerzausten Haaren, vor einem Klappstuhl aus Holz, angeschlossen an einen Laptop – das Modell eines Bahnsitzes. Mit einem Siemens-Kollegen hat er das Modell bereits zu Hause gebaut. Ziel ist es, personalisierte Bahnsitze zu entwickeln. Wenn der Fahrgast künftig in den Zug kommt, soll der Sitz ihn erkennen, sich auf Gewohnheiten einstellen, gebuchte Filme auf dem Bildschirm automatisch abspielen – und beim Umsteigen in einen anderen Zug unterbrechen. Auch wenn der Prototyp noch nicht ganz ausgereift ist, hat Kähler schon den ersten Kunden für die neue Technik ausgemacht: die Deutsche Bahn.

Aus Dubai zugeschaltet

Ein paar Tische weiter entwickelt ein vierköpfiges Team einen digitalen Zaun für Drohnen – Teammitglied Nummer fünf ist per Internet vom Siemens-Standort in Dubai zugeschaltet. Der Zaun soll Alarm schlagen, wenn eine Drohne etwa über dem Grundstück kreist – und den Drohnenpiloten zum Umkehren auffordern, ohne dass die Drohne gleich vom Himmel geholt wird. So etwas kann zu größeren Schäden und unter Umständen Schadenersatzansprüchen führen. Potenzieller Kunde ist jeder, der nicht will, dass die Drohne des Nachbarn über den Gartenzaun schaut.

Der intelligente Bahnsitz und der Drohnen-Zaun sind nur zwei von 300 Ideen, an denen beim zweitägigen Siemens-Hackathon gearbeitet wird. Solche Hackathons – eine Wortschöpfung aus „Hack“ (englisch für technischer Kniff) und „Marathon“ – sind in der Wirtschaft beliebt. Programmierer, Softwareentwickler und IT-Spezialisten arbeiten dabei stundenlang an gemeinsamer Software. Manchmal dürfen nur Mitarbeiter mitmachen, manchmal sind auch externe Experten willkommen. Ziel ist es, in kurzer Zeit Lösungen für Probleme zu finden, innovative Ansätze aufzutun und sich zu vernetzen. Oft werden die besten Ergebnisse prämiert. So auch bei Siemens – jeweils 250 Euro bekommen die Teams mit den besten Ideen.

Innovationen erkennen und schnell umsetzen

Auf die Beine gestellt wurde der Hackathon von der #iDea.Company, einem Siemens-Start-up, das vor acht Monaten gegründet wurde. Jeder Siemens-Mitarbeiter, der eine Idee hat, kann sich bei #iDea beteiligen. Das Ziel: Innovationen erkennen und möglichst schnell umsetzen. Nach dem gleichen System funktioniert der Hackathon. Mehr als 800 Ideen wurden vorab von Siemens-Mitarbeitern eingereicht. Die Teilnehmer des Hackathons konnten sich Ideen aussuchen, an denen sie arbeiten möchten. So bildeten sich 300 Teams, die 300 Ideen bearbeiteten. Teilnehmen konnte dabei jeder Siemens-Mitarbeiter – egal ob aus der IT-Abteilung, der Entwicklung oder der Produktion. An fünf Siemens-Standorten, in München, Princeton, Erlangen, Wien und Karlsruhe, trafen sich rund 700 Teilnehmer. 1000 weitere schalteten sich online dazu.

Helmuth Ludwig ist seit Oktober IT-Chef bei Siemens – der Hackathon eines seiner ersten großen Projekte. Dabei seien Hackathons bei Siemens an sich nichts Neues, sagt er. „Neu ist, dass sich nicht nur Mitarbeiter vor Ort treffen, sondern dass man von allen Standorten weltweit gleichzeitig virtuell teilnehmen konnte.“ Normalerweise dauert die Entwicklung neuer Produkte Wochen, wenn nicht Monate. Beim Hackathon besteht die Herausforderung darin, dass nach zwei Tagen, ein richtiges Ergebnis vorliegen muss. „Der Hackathon bringt nicht nur Ideen, komplette Konzepte und Prototypen“, sagt er. Seine Hoffnung: „Aus den Ideen, die hier entwickelt werden, wird sich eine zweistellige Zahl an Patenten ergeben“, glaubt er.

Welche Ideen am aussichtsreichsten sind – darüber durften die Siemens-Mitarbeiter im Anschluss an den Hackathon, der mittlerweile drei Wochen zurückliegt, abstimmen. 19.000 Stimmen wurden angegeben, sechs Teams ausgewählt, die nun Ende März ihre Ideen einer Jury vorstellen. Wer überzeugt, bekommt die Chance, die Idee tatsächlich umzusetzen. Weder der Zug-Sitz noch die Drohnen-Abwehr haben es unter die besten sechs geschafft – dafür unter anderem eine Technik, die Falschfahrer auf Autobahnen melden soll. Davon wird man mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit noch hören.

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