Silizium-Wafer für die Chip-Produktion: Engpässe bei Halbleitern machen derzeit vor allem Autobauern schwer zu schaffen.
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Silizium-Wafer für die Chip-Produktion: Engpässe bei Halbleitern machen derzeit vor allem Autobauern weltweit schwer zu schaffen.

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Halbleiter: Warum die globalen Liefer-Engpässe für die Wirtschaft so gefährlich sind

Mikrochips sind allgegenwärtig - nicht nur in Computern. Kein Auto, keine Maschine kommt mehr ohne Halbleiter aus. Doch Chips sind knapp wie nie. Nun ächzen ganze Industrien.

Hannover/Frankfurt - Seit mehr als einem halben Jahr ächzt die Autoindustrie weltweit unter dem Chipmangel. Weil wichtige Elektronikbauteile fehlen, müssen BMW*, VW* oder Audi* die Produktion drosseln oder sogar ganz anhalten.

Damit zahlen die Hersteller einen hohen Preis für die dramatischen Order-Einbrüche auf dem Höhepunkt der Corona*-Pandemie. Weil viele Autobauer kurzfristig die Bestellungen für Halbleiter stornierten, schwenkten die Chip-Hersteller um und produzierten für IT-Hersteller oder die Anbieter von Unterhaltungselektronik. Das rächt sich nun. Wie schlimm die Lage für die deutsche Vorzeigebranche wirklich ist, welche Lösungen denkbar sind und wie die Aussichten sind. Ein Überblick:

Warum sind Halbleiter so wichtig?

Fast nichts läuft in unserem vernetzten Alltag mehr ohne die Elektronik-Grundbausteine. Ihre Funktion basiert auf den Eigenschaften vor allem der Elemente Silizium und Germanium. Diese lassen, anders als starke Leiter, die punktgenaue Steuerung schwacher Stromflüsse zu - ein Grundprinzip für integrierte Schaltungen, das Herzstück aller elektronischen Systeme.

Schon die Verarbeitung („Dotieren“) der Halbleiter in Reinräumen und der Bau einfacher Module sind komplex, nicht viele Unternehmen können das leisten. „Der Bedarf wird weiter stark steigen“, schätzt der Chef des deutschen Elektronik-Branchenverbands ZVEI, Wolfgang Weber. Es gebe überall Knappheiten. „Auch die Autoindustrie hat verstanden, dass sie fehlende Teile nicht einfach herbeizaubern kann.“

Sind moderne Autos ohne Mikrochips denkbar?

Nach dem allgemeinen Siegeszug des Computers und Smartphones gelten die Anwendungen im Auto als das Zukunftsgeschäft der Halbleiter-Produzenten. Bereits vor dem Anziehen der E-Mobilität und Vernetzung waren Motorsteuergeräte, Bordrechner und Assistenzfunktionen ohne Elektronik undenkbar. Gleiches trifft auf Speicher und Sensoren zu, die laut dem Halbleiter-Experten Ulrich Schäfer „ein deutlich überdurchschnittliches Wachstum haben werden“.

Weber ergänzt: „Das autonome Fahren und Infotainment im Auto werden den Bedarf an speziellen Chips noch erhöhen. Das gilt auch für die Sensorik“ - etwa in der Verkehrsinfrastruktur mit Signalgebern an Straßen oder Gebäuden. Halbleiter-Komponenten wie Dioden finden sich zudem in der immer öfter genutzten LED-Beleuchtung, innen wie außen.

Wie ernst ist die Lage bei den Autobauern wirklich?

Schichtausfälle und Kurzarbeit wegen fehlender Lieferungen gab es seit dem Winter mehrfach, zuletzt häuften sich die Einbußen an den Linien wieder. Der Branchenverband VDA warnt: „Die Versorgung mit Halbleitern wird auch im zweiten Halbjahr angespannt bleiben. Global wird intensiv daran gearbeitet, die Versorgung - insbesondere auf der Ebene der Chip-Hersteller - sicherzustellen.“ Die Beratungsfirma Alix glaubt, dass wegen der Engpässe 2021 weltweit bis zu 3,9 Millionen Fahrzeuge weniger gebaut werden könnten.

Was könnte helfen?

Die Elektronikindustrie rät den Kunden, voreilige Stornierungen künftig zu überdenken. „Ein guter Beitrag wird vermutlich sein, im Rahmen des rechtlich Möglichen längerfristige Abnahmeverträge mit Lieferanten zu schließen“, sagt Weber. Schäfer teilt diese Sicht: „So war es in der Vergangenheit, und da müssen wir wieder hinkommen nach den Panikreaktionen des extremen Einbruchs.“

Wie ist die Lage bei BMW, VW, Audi und Mercedes-Benz?

Der VW-Konzern sprach Ende Juni von einer weiterhin „extrem volatilen“ Situation. Im Laufe des ersten Quartals hatten die Wolfsburger schon 100.000 eingeplante Wagen nicht fertigen können. Erst vor wenigen Tagen sagte VW-Vertriebschef Klaus Zellmer gegenüber Merkur.de*, man gehe davon aus, dass „in den kommenden Monaten die Versorgung mit Chips angespannt bleiben wird“. Eine „Taskforce“ betreut das Thema Halbleiter aber rund um die Uhr. In Wolfsburg, Emden und bei Skoda kam es zu weiterer Kurzarbeit.

Die VW-Tochter Audi fuhr die Produktion nach Arbeitsausfällen für 10.000 Beschäftigte im Mai zuletzt wieder hoch. Porsche nimmt an, dass die Versorgung an sich angespannt bleibt. „Wir erwarten aber im zweiten Halbjahr eine Verbesserung.“ BMW musste die Fertigung auch im größten europäischen Werk Dingolfing einschränken. Der Vorstand sah schon im Mai mehr Schwankungen in der zweiten Jahreshälfte - Chef Oliver Zipse erwartet, dass sich die Krise ein bis zwei Jahre hinziehen könnte.

Mercedes-Benz erklärte: „Wir fahren weiter auf Sicht. Die Situation ist volatil.“ Auch hier gab es Kurzarbeit. Beim Opel-Mutterkonzern Stellantis ließ die Chipkrise im ersten Jahresviertel eine Produktion von 190.000 Fahrzeugen ins Wasser fallen - 11 Prozent des geplanten Volumens. In den Kölner Ford-Werken mussten die Bänder wegen des Halbleiter-Mangels bereits über Wochen komplett angehalten werden.

Welche anderen Branchen brauchen ebenfalls Nachschub?

Bei Herstellern von Laptops, Tablets und TV-Geräten brummt das Geschäft, nicht zuletzt wegen des Trends zum Homeoffice in der Corona-Krise. Ähnliches gilt für Spielekonsolen und HiFi, Medizin-Hightech wie Beatmungsgeräte oder Kernspintomografen und das IT-Kernsegment, wie der ZVEI berichtet.

Wo sollen all die Chips herkommen, wenn der Bedarf so hoch bleiben oder gar noch zulegen sollte - und zudem die Autobauer mit Macht in den Markt zurückdrängen? „Der Wettbewerb der Anwendungen ist massiv gestiegen“, so Schäfer. Aber die Halbleiter-Fertigung lasse sich nicht übers Knie brechen: „Da haben Sie eine mittlere Durchlaufzeit von einem Vierteljahr.“ Parallel steigt die Nachfrage in aller Welt: Statistisch kommen 41 integrierte Schaltkreise auf einen Erdbewohner.

Braucht Europa eine eigene Halbleiter-Produktion?

Viele Unternehmen würden das begrüßen. „Eine regionale Produktion“, sagte etwa VW-Vertriebschef Zellmer, habe schon aus „logistischer Sicht eine Reihe von Vorteilen. Sie verringert Kosten, reduziert Emissionen und ermöglicht schnelle Reaktionszeiten“. Hinter vorgehaltener Hand werden viele Unternehmen deutlicher. Der Staat müsse die Erweiterung der Produktionskapazitäten für Halbleiter fördern, um die Abhängigkeit von Herstellern in Asien zu verringern, heißt es.

Wer braucht sonst noch Halbleiter?

Neben der Automobil-Industrie und der IT-Branche gibt es noch viele andere Industrie-Zweige, die auf Halbleiter angewiesen sind. Dazu gehöhren etwa erneuerbare Energien, Fabrikautomation, Robotik und alle Infrastrukturen, die von Wechsel- auf Gleichstrom umgestellt werden und „Leistungshalbleiter“ benötigen. Politiker appellieren da gern auch an deutsche Hersteller wie Infineon, Carl Zeiss SMT oder Siltronic/Wacker, mehr zu investieren. Aber für entsprechende Fabriken sind nicht selten Milliardenbeträge nötig. Bosch eröffnete gerade ein neues Werk in Dresden - die größte Einzelinvestition der Firmengeschichte. Die Branche glaubt, dass Förderprogramme entscheidend helfen können.

Wie angespannt ist der Nachschub bei Rohstoffe?

Viele strategisch wichtige Ressourcen unterliegen hohen Lieferrisiken. Für Silizium gilt das eigentlich nicht - es ist etwa in Sand enthalten und ein sehr häufiges Element. Aber die Veredelung zu Reinstsilizium, das für Chipteile infrage kommt, kann schwanken. So ließ China seine Kapazitäten laut der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe künstlich unterausgelastet - wohl um „exzessive Lagerhaltung“ zu betreiben. Immerhin: Der für Bauzwecke knapp werdende Sand und Kies konkurriert nicht mit dem Chip-Material. (dpa/utz) Merkur.de ist Teil von IPPEN.MEDIA.

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