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Hoffnung vieler Geschäfte schwindet: „In Bayern droht 2000 Händlern das Aus“

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Von: Sebastian Hölzle

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Die Fußgängerzone in München.
Kaufzurückhaltung, teure Energie, Corona-Pandemie: Vor allem in den Innenstädten – wie hier in München – befürchten Einzelhändler einen harten Winter. Für Kommunen und Städte sind das düstere Aussichten. © IMAGO/Alexander Pohl

Nach Corona hofften Einzelhändler auf eine Rückkehr zur Normalität. Dann griff Russland die Ukraine an, die Zuversicht war dahin. Jetzt bangen erste Händler um ihre Existenz.

München – Eigentlich sah alles gut aus: „Die Einzelhändler sind optimistisch ins Jahr gestartet, Corona war viele Monate kein großes Thema mehr“, sagt Bernd Ohlmann, Sprecher des Handelsverband Bayern. „Dann kam der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, das hat dem Handel einen Strich durch die Rechnung gemacht.“

Ukraine-Krieg löst zwei große Probleme für Einzelhänder aus

Erstes Problem: Die Kaufzurückhaltung der Kunden. „Inflation, Krieg, Energiepreise – rund um die Uhr gibt es schlechte Nachrichten“, sagt Ohlmann. „Die Leute halten ihr Geld zusammen, und das merken wir.“ Der Handelsverband Deutschland hat bundesweit über 1.000 Menschen befragt, demnach dürften vor allem Bekleidungs- und Modehändler leiden (siehe Grafik). „Wer 15 Paar Winterstiefel im Schrank hat, fragt sich, ob er dieses Jahr wirklich das 16. Paar braucht.“

Zweites Problem: Teure Energie. Wer als Händler einen langfristigen Vertrag mit seinem Versorger habe, sei noch in einer vergleichsweise komfortablen Situation, sagt Ohlmann. „Und dann gibt es diejenigen, die jetzt ihre Abschlagszahlung erhalten und aus allen Wolken fallen.“ In einem großen Warenhaus seien das schnell mehrere zehntausend Euro im Monat.

Video: Sorge um Weihnachtsgeschäft - Muss der Einzelhandel wegen Inflation und Lieferprobleme bangen?

2.000 Einzelhändler könnten in Bayern bis Ende des Jahres schließen

„Im schlimmsten Fall werden in Bayern allein bis zum Jahresende 2.000 der insgesamt knapp 60.000 Einzelhandelsgeschäfte schließen“, befürchtet Ohlmann. Vor allem Geschäfte in Innenstädten seien betroffen, im kommenden Jahr könnte sich die Pleitewelle verschärfen. „Wir sehen keine düsteren Wolken am Horizont, wir sehen einen regelrechten Sturm aufziehen.“ Ohlmann sagt, nur mit staatlicher Unterstützung könne der Handel die Krise meistern. Zu Beginn der Corona-Pandemie habe der Verband mit 10.000 Schließungen im Freistaat gerechnet, dank staatlicher Hilfen sei die große Pleitewelle damals aber ausgeblieben.

Zumal den Händlern ein drittes Problem droht: Gestern lag die Sieben-Tage-Inzidenz in Bayern bei 822, Tendenz: steigend. Aus Angst vor einer Covid-Infektion könnten die Menschen vor Weihnachten Geschäfte meiden, eine mögliche Maskenpflicht dürfte die Lust am Einkaufen schmälern. „Mit rund 14 Milliarden Euro macht das Weihnachtsgeschäft ein Fünftel des gesamten Jahresumsatzes im bayerischen Einzelhandel aus“, sagt Ohlmann.

„In Bayern liegen die Innenstädte auf der Intensivstation“

In Kommunen und Städten macht wieder das Schreckgespenst einer verödeten Innenstadt die Runde. „Vor 20 Jahren habe ich gesagt: In Bayern liegen die Innenstädte auf der Intensivstation, und seitdem hat sich die Situation verschärft“, sagt Ohlmann. Fehlende Parkflächen, boomender Online-Handel, Monotonie der Innenstädte mit überall den gleichen Ketten – viele Probleme seien nicht neu. Die Innenstadt werde zwar nicht sterben, aber sie müsse sich dringend verändern, sagt Ohlmann. „Wir müssen weg von der Funktionsteilung wohnen im Wohngebiet, arbeiten im Gewerbegebiet, einkaufen in der Innenstadt. Wir brauchen Orte, an denen man Arbeiten, Wohnen und Einkaufen kann, dadurch entsteht Leben in den Innenstädten.“

Hoffnung macht, dass es noch Nischen gibt im Einzelhandel, bei denen die Aufbruchstimmung offenbar anhält. Kurz vor Beginn der Frankfurter Buchmesse sagt Nina Hugendubel, geschäftsführende Gesellschafterin der gleichnamigen Buchkette: „Die Innenstädte füllen sich schon seit einigen Monaten wieder, nicht zuletzt durch die zunehmende Zahl an Touristen.“ Für die Filialen in München ergebe sich daraus „eine erfreuliche Frequenz“. Auch beobachte sie eine „kanalübergreifende Markentreue“ der Kunden. Gemeint ist, dass Buchliebhaber weiter die Filialen besuchen und im Online-Shop des Unternehmens einkaufen. Trotz der aktuellen Unsicherheit gelinge es, Kunden zu binden, sagt Nina Hugendubel. Und selbst Verbandssprecher Ohlmann hat einen Rest von Zuversicht – für die gesamte Branche: „Ich hoffe, es gibt eine Trotzreaktion der Verbraucher, und kurz vor Weihnachten sagen alle: Jetzt kaufen wir erst recht.“

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