Handelsstreit mit China: Die Europäer stehen ohne Hosen da

- Peking - Vier halbnackte Europäer stehen am Hafenpier. Die traurigen Gestalten in Unterwäsche tragen leere Taschen, schieben einen leeren Einkaufswagen vor sich her. Einem vor Anker liegenden Schiff mit chinesischen Textilien recken sie ein Schild "Willkommen" entgegen. Der Cartoon in der "Beijing News" spricht von einer "peinlichen Situation". Die Europäer hätten sich mit ihrem Protektionismus nur selbst geschadet, kommentieren chinesische Blätter die kritische Lage der europäischen Händler. Wegen der Quoten stünden sie jetzt ohne Waren da, obwohl sich in Zollhäfen immer mehr Hosen, Pullover, Blusen, T-Shirts und Büstenhalter stapelten.

Um die "ernste Panne", so EU-Handelskommissar Peter Mandelson, eiligst zu beheben, verhandeln in Peking europäische Experten im Außenhandelsministerium. Ihr Vorschlag, die Waren freizubekommen, indem die Quoten des nächsten Jahres einbezogen werden, stößt in China auf wenig Gegenliebe. "Den Stein aus der einen Wand nehmen, um eine andere Wand zu flicken", bemüht die "International Finance News" ein chinesisches Sprichwort. "Was machen wir dann nächstes Jahr?", will die Vereinigung der Textilexporteure Chinas wissen.

Die neuen Quoten hätten gar nicht erst eingeführt werden sollen, wird argumentiert. Immerhin habe die europäische Textilindustrie zehn Jahre Zeit gehabt, um sich auf den Wegfall der Quoten im internationalen Textilhandel einzustellen. Als im Januar, wie im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) 1995 vereinbart, die Quoten wegfielen, kam die Importwelle aus China keineswegs überraschend. Doch EU-Länder mit starker Textil-Lobby wie Frankreich, Spanien und Italien schlugen Alarm. Deutschland dagegen hatte längst seine Textilindustrie umstrukturiert und sah keinen Bedarf für neue Quoten.

Auf europäischen Mehrheitswunsch hin musste sich aber die EU-Kommission in Peking für "Schutzmaßnahmen" einsetzen. Das alte Mantra der Europäer und der ebenfalls betroffenen Amerikaner vom "freien Handel" und "Marktzugang" verliert damit in China nur weiter an Glaubwürdigkeit. Dabei wird die europäische Textilindustrie durch Protektionismus gegen chinesische Einfuhren nicht wirklich geschützt, da Händler dann in Tunesien, Bangladesch oder Costa Rica einkaufen. China stand mit dem Rücken an der Wand und musste im Juni in Schanghai neuen Quoten von 8 bis 12,5 Prozent bis 2007 zustimmen. Sonst hätten noch schärfere Begrenzungen gedroht, die im Rahmen der WTO bei einer "Störung des Marktes" erlaubt wären. Heute, nach dem Quotendebakel, beteuert EU-Kommissar Mandelson, das Abkommen mit China sei sorgfältig "über Monate, nicht Tage" entworfen worden. Doch scheint niemand die Händler gefragt, laufende Lieferungen richtig berechnet und die Konsequenzen bedacht zu haben. Kaum einen Monat später war die erste Quote ausgeschöpft. Heute sind es acht der zehn Textilkategorien _ die Händler stehen ohne ihre bestellte Ware da.

Dass die Europäer jetzt im eigenen Interesse mehr bürokratische Flexibilität zeigen müssen, scheint ausgemacht. Sonst droht die Krise auch den EU-China-Gipfel am 5. September in Peking zu überschatten. Den Amerikanern könnte das europäische Missgeschick eine Lehre sein. Sie verhandeln derzeit mit China über ähnliche Quoten. Eine Einigung soll möglicherweise beim ersten Besuch von Chinas Präsident Hu Jintao am 7. September in Washington besiegelt werden.

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