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Seit 2016 ist er Präsident des Bayerischen Handwerkstages (BHT) und der Handwerkskammer für München und Oberbayern. Als Spitzenvertreter ist es seine Aufgabe, sich für die Belange der knapp 925 000 Handwerker i n Bayern einzusetzen. Unterstützung bekommt er dabei seit Januar 2018 von Frank Hüpers. Der Jurist hat zum Jahreswechsel den Posten als Hauptgeschäftsführer des BHT und der Handwerkskammer übernommen.

Auftragsbücher randvoll

Handwerk schlägt Alarm: „Der deutsche Arbeitsmarkt ist leer gefegt“

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Die Auftragsbücher der Handwerker in Bayern sind randvoll. Mancher Betrieb kommt bei der Arbeit gar nicht mehr nach.

München - Es fehlt am Personal – an Lehrlingen, Gesellen und Meistern. Über die Fachkräftelücke und die Bemühungen, diese zu schließen, sprachen wir mit Bayerns obersten Repräsentanten im Handwerk: Franz Xaver Peteranderl und Frank Hüpers.

Wer heute einen Handwerker – zum Beispiel für eine Bad-Sanierung – braucht, muss lange auf einen Termin warten. Subjektive Wahrnehmung? Oder sind die Wartezeiten wirklich länger geworden?

Peteranderl: Das gesamte Handwerk hat ein Fachkräfteproblem – in so gut wie jeder Sparte. Das hat unterschiedliche Auswirkungen: Im Baubereich war es der Kunde zum Beispiel jahrelang gewohnt, dass zwei Tage nach einem Anruf ein Handwerker da ist und den Auftrag ausführt. Hintergrund war, dass es dem Gewerbe einfach unwahrscheinlich schlecht ging. Es gab Überkapazitäten. Heute ist das anders. Die Betriebe sind mehr als ausgelastet und haben mittlerweile im Bauhandwerk Vorlaufzeiten von bis zu 12 Wochen. Das ist aber auch gesund für die Branche.

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Warum ist das gesund?

Peteranderl: Die Betriebe brauchen die Zeit, um eine Baustelle entsprechend planen zu können. Das Personal und die Geräte einteilen zu können. Es braucht auch Zeit, um das Material zu bestellen. Wenn der Kunde zum Beispiel eine bestimmte Badewanne haben will, braucht es vier bis fünf Wochen, bis die lieferbar ist. In der Industrie ist das übrigens ganz genauso: Wer heute zum Beispiel ein Auto mit Speziallackierung bestellt, muss darauf warten. Das wird oft vergessen. Dabei sind das nicht mal Unikate wie im Handwerk.

Die Situation am Bau ist derzeit aber auch speziell. Die Betriebe können sich vor Aufträgen kaum retten.

Peteranderl: Es gab schon Zeiten, da ging es den Baubetrieben noch erheblich besser.

In den Jahren 1985 bis 1995 haben wir in Deutschland pro Jahr 560 000 Wohneinheiten pro Jahr hergestellt. 1996 war der Wiedervereinigungsboom dann plötzlich zu Ende. Der Staat hat die öffentlichen Investitionen zurückgefahren und die Betriebe im Regen stehen lassen – mit verheerender Wirkung. In den Unternehmen wurden 700 000 Arbeitsplätze abgebaut; die Belegschaft hat sich deutschlandweit fast halbiert. Eine Konsequenz daraus sind auch die großen Infrastruktur-Probleme, vor denen wir heute stehen.

Neben längeren Wartezeiten hört man auch von höheren Preisen für Handwerkerleistungen.

Peteranderl: Die Preise steigen – vor allem im Bau. Das stimmt. Allerdings kommt der Gewinn zum Großteil nicht beim Unternehmen an. Vor allem der Baugrund hat sich massiv verteuert. Das Bauen selbst auch – was die Materialien angeht, aber auch aufgrund von staatlichen Auflagen. Der Staat trägt zum Teil die Schuld daran, dass Bauen und Wohnen so teuer geworden ist. Ein Beispiel ist die Verschärfung der Energieeinsparverordnung, die das Bauen um sieben Prozent verteuert hat. Aber auch im Brand- und Schallschutz sind die Auflagen höher geworden oder bei den Stellplatzregelungen. Barrierefreiheit muss oft gewährleistet sein. Allein die Kosten für die Abfall-Entsorgung verteuern sich pro Jahr um zehn bis 15 Prozent. Bauschutt muss mittlerweile zum Teil ins Ausland gebracht werden, weil hier die Kapazitäten auf den Bauschuttdeponien fehlen. Ich halte das für Verschwendung: Wir verschenken zum Teil bestes Baumaterial.

Warum wird das nicht wiederverwertet?

Peteranderl: Weil es in Deutschland die Auflagen nicht erfüllt. Wie paradox das Ganze ist, zeigt das Beispiel vom Tunnel Oberau im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Der Gesteinsausbruch vom Bau wurde als Abfall bewertet. Lange wusste man überhaupt nicht, wo man das lagern sollte. Dann entschied man sich, den Ausbruch nach Österreich zu bringen. Die Österreicher haben die Lieferung aufbereitet, ein Zertifikat drauf geklebt und es zurück nach Deutschland verkauft – als Straßenunterbau. Die Werte wurden nicht angezweifelt. Das Material wurde verbaut.

Deutschland hat also zwei Mal dafür bezahlt?

Peteranderl: Richtig. Man hätte das Material auch direkt in Oberau brechen und weiterverwerten können; so hat man zuerst für die Abnahme bezahlt – und dann ein zweites Mal für den Rückkauf. Vom Transport ganz zu schweigen.

Zurück zum Grundproblem, dem Fachkräftemangel: Wie groß ist die Lücke im Handwerk?

Peteranderl: Der deutsche Arbeitsmarkt ist leer gefegt, vor allem im Baubereich. Die Unternehmen bekommen vielfach nur noch Mitarbeiter aus dem Ausland.

Hüpers: Wir befragen regelmäßig unsere Betriebe zum Thema Fachkräftemangel. Zuletzt haben 60 Prozent angegeben, dass sie potenziell jemanden einstellen würden. Das wären in Oberbayern etwa 23 000 Unternehmen. So groß war der Mangel noch nie.

Es lässt zwar auf sich warten, aber im Koalitionsvertrag wurden Pläne für ein Zuwanderungsgesetz für Fachkräfte festgeschrieben. Würde das dem Handwerk helfen?

Peteranderl: Ja, auf jeden Fall. Wir fordern seit Langem, dass die BlueCard nicht nur für Akademiker, sondern auch für qualifizierte Fachkräfte gilt. Wir rekrutieren heute bereits viele Mitarbeiter aus dem Ausland – auch außerhalb der EU. Aber das Verfahren ist sehr umständlich und zeitaufwendig. Um ein Visum für einen Handwerker aus dem Kosovo zu bekommen, wartet man zum Teil ein halbes Jahr.

Können die Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, helfen, den Mangel ein wenig einzudämmen?

Peteranderl: Flüchtlinge können die Fachkräftelücke nicht schließen, aber sie können einen Beitrag leisten. Wir bilden allein im oberbayerischen Handwerk derzeit 1206 junge Flüchtlinge aus. Bis aus ihnen Fachkräfte werden, dauert es allerdings. Fairerweise muss man auch sagen: Nicht alle werden ihre Ausbildung abschließen. Ein Teil wird die Lehre abbrechen. Die Abbrecherquote unter den Flüchtlingen ist allerdings nicht höher als unter den restlichen Auszubildenden im Handwerk.

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Man hört immer wieder, dass Flüchtlinge einen Abschiebe-Bescheid bekommen – trotz Ausbildungsvertrag. Wie ist hier Ihre Erfahrung?

Hüpers: Solche Fälle gab es. Und sie schrecken die Unternehmen, die Rechtssicherheit brauchen, natürlich ab. Seit die 3+2-Regelung umgesetzt wurde, hat sich das aber gebessert. 3+2 bedeutet: Flüchtlinge, die eine Ausbildung absolvieren, werden in den drei Jahren der Ausbildung und zwei Jahre danach nicht abgeschoben. Wir raten unseren Betrieben, im Zweifelsfall bei der Ausländerbehörde nachzufragen – und sich eine schriftliche Bestätigung geben zu lassen. Bei Schwierigkeiten unterstützen wir die Unternehmen auch.

Wie viele Lehrstellen sind denn derzeit im Handwerk offen?

Hüpers: Im vergangenen Jahr blieben etwa 6300 Lehrstellen in Bayern unbesetzt. Wir arbeiten in verschiedene Richtungen, um Nachwuchs für das Handwerk zu begeistern. Zum Beispiel versuchen wir, neue Zielgruppen anzusprechen, etwa Mädchen, wenn es um „klassische“ Männerberufe geht. Und wir versuchen, die Gleichwertigkeit der dualen Ausbildung im Vergleich zur akademischen zu betonen. Es heißt zwar immer, dass das Risiko, arbeitslos zu werden, für Akademiker geringer ist als für Fachkräfte. Wenn man allerdings Akademiker mit Meistern vergleicht, gewinnt oftmals der Meister. Auch beim Verdienst gilt: Ein Meister verdient oft mehr als ein studierter Geisteswissenschaftler.

In welchem Handwerksbereich haben junge Leute momentan besonders gut Chancen?

Hüpers: In so gut wie allen Bereichen wird händeringend nach Nachwuchs gesucht. Aber wenn es um die Berufswahl geht, kommt es auf die Neigung drauf an. Erfolgreich sein kann man in jeder Branche. Und krisensicher ist das gesamte Handwerk.

Zusammengefasst von Manuela Dollinger

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