Die harten Burschen aus dem Süden

- München/Hongkong - In Hongkong wird schon für den Ernstfall trainiert, denn bei der am 13. Dezember beginnenden Konferenz der Welthandelsorganisation (WTO) befürchten die Behörden Ausschreitungen. Nicht nur von radikalen Demonstranten droht den Teilnehmern der 148 Länder Ungemach - auch auf der Konferenz selbst wird es hoch hergehen. Laut Bauernpräsident Gerd Sonnleitner werden wichtige Weichen gestellt: Bei dem so genannten Entwicklungsgipfel muss sich Europa seiner Meinung nach gegen einen Freihandel ohne faire Regeln wehren.

Fallen die Schranken für den Welthandel so, wie es sich Brasilien, Argentinien, Australien, Neuseeland und die USA vorstellen, dann sieht der Bayer schwarz für Europa. "25 europäische Staaten werden dann vom Weltmarkt zugeschüttet. Europa ist so nicht wettbewerbsfähig", prognostiziert der Bauernpräsident, der sich am kommenden Samstag, 10. Dezember, auf den Weg nach China macht. Vor allem die Landwirtschaft in Polen, Slowenien, Griechenland, Spanien und Portugal sei bedroht. Sonnleitner malt das Gespenst einer Landflucht an die Wand: "Stellen Sie sich vor, dort bricht die Landwirtschaft zusammen. Die stehen alle bei uns auf der Matte."

Dass es in Hongkong schon zu konkreten Beschlüssen kommen wird, glaubt der Bauernpräsident nicht. Schließlich müssen dafür alle 148 Länder grünes Licht geben. Wichtig für Deutschland sei es aber, dass der Weg für "multilaterale Spielregeln" bereitet wird. Wenn das scheitere, würden überall bilaterale Handelsabkommen geschlossen - ein Exportland wie Deutschland käme damit in größte Schwierigkeiten. Aber auch der deutsche Agrarexport bekäme dann Probleme.

Der Niederbayer, schon ein "altgedienter WTO-Hase", ärgert sich vor allem über eine "riesige Desinformationskampagne". Dabei meint er die Forderung breiter Kreise, dass die Industrieländer ihre Agrarmärkte für die Entwicklungsländer öffnen sollen. Auch Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul ist an vorderster Front derer zu finden, die den Abbau von Agrarsubventionen verlangen.

Sonnleitner schäumt: "In der Landwirtschaft hat Europa die Systematisierung der WTO längst erfüllt. Die anderen haben nichts gemacht, um ihre versteckten Agrarsubventionen abzubauen." Im Gegenteil: Die USA hätten sogar noch draufgesattelt. Und jetzt schöben diese Staaten Entwicklungsländer und Nicht-Regierungs-Organisationen vor, um Europa ein schlechtes Gewissen einzureden und zu weiteren Zugeständnissen zu zwingen.

Ganz so einfach wie Ministerin Wieczorek-Zeul meint, sei das Problem der Entwicklungsländer nicht zu lösen. "Europa leistet mit Abstand die meiste Hilfe für Entwicklungsländer. Die 50 ärmsten Länder der Welt können ihre Waren frei an uns liefern." 73 Prozent ihrer Produkte landeten in Europa, die USA ließen gerade einmal zehn Prozent ins Land. Daher verlangt Sonnleitner, der bis zum 18. Dezember in Hongkong hinter den Kulissen Lobbyarbeit für die deutschen Bauern leisten will, dass die europäischen Vorleistungen auch respektiert werden.

"Ich hab den Amerikanern schon gesagt: Es herrscht von deutscher Seite jetzt ein anderer Verhandlungsgeist." Gerd Sonnleitner

Politischer Sprengstoff steckt seiner Meinung nach in der Praxis, dass die Länder sich bei der WTO selbst einstufen können. China und Brasilien sähen sich als Entwicklungsländer und verlangten alle Handelsfreiheiten. In Brasilien, so der Bauernpräsident, könnten noch 190 Millionen Hektar landwirtschaftlich nutzbar gemacht werden. "Dann würde nicht nur die europäische Landwirtschaft platt gemacht, sondern auch die anderer Entwicklungsländer." Statt Europas Außenschutz abzubauen, sollte der Agrarhandel unter den Entwicklungsländern gefördert werden: "Die blockieren sich doch gegenseitig!" Krieg, Bürgerkrieg und Korruption würden vielerorts den Handel unmöglich machen. Hinter dem vorgeschobenen Argument, den armen Ländern helfen zu wollen, steckten auch Kapitalinteressen von Fonds, die zum Beispiel die Landwirtschaft in Brasilien "voranbringen" wollten - in Sonnleitners Augen sind das "Heuschrecken" allererster Güte, weil sie von der Kinderarbeit bis zur Urwaldrodung alles für ihren Gewinn nutzten: "Eine höhere Kapitalrendite gibt es sonst nirgends."

Zusammen mit zwei weiteren Bayern will Sonnleitner in Hongkong kämpfen: Wirtschaftsminister Michael Glos und Agrarminister Horst Seehofer. "Ich hab den Amerikanern schon gesagt: Es herrscht von deutscher Seite ein anderer Verhandlungsgeist. Jetzt kommen die harten Burschen aus dem Süden, die tough boys. Das kennen die Amerikaner und das verstehen's", sagt der kampfeslustige Bauernpräsident und schmunzelt.

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