Arbeiter des Automobilzulieferers ZF Getriebe GmbH in Brandenburg stehen an einer Maschine und arbeiten.
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Coronavirus spaltet Arm und Reich: Geringverdiener haben ein höheres gesundheitliches Risiko - Homeoffice ist für viele keine Option. Auch Hartz IV-Empfänger erkranken häufiger schwer (Symbolbild).

Risiko für Hartz IV-Empfänger

Hartz IV: Corona vergrößert Kluft zwischen Arm und Reich weiter – Olaf Scholz spricht nun Warnung aus

Die Coronakrise trifft nicht alle gleichermaßen: Ärmere Menschen haben ein höheres finanzielles und gesundheitliches Risiko. Olaf Scholz fordert nun mobile Impfteams.

München - Menschen mit niedrigem Einkommen leiden in der Coronakrise fast doppelt so häufig unter finanziellen Einbußen. Damit geht die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander. Das geht aus einer Studie des Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervor. Grundlage der Studie war eine Befragung unter über 5.000 Erwerbstätigen.

Geringverdiener mit Monatseinkommen unter 900 Euro gaben mit 49,3 Prozent Einkommensverluste durch Corona an. Doch nur rund ein Viertel  (26,1 Prozent) der Haushalte mit Einkommen über 4.500 Euro verzeichneten Einkommenseinbussen. Geringverdiener würden oftmals unzureichend durch Schutzmechanismen wie Tarifverträge oder Sozialversicherungen erfasst, erklärte WSI-Direktorin Bettina Kohlrausch. Die Coronakrise hat zudem auch die Kinderarmut in Deutschland verschärft.

Corona: Größeres Risiko für Hartz IV-Empfänger - Auch Geringverdiener besonders gefährdet

Doch nicht nur das: Ärmere Menschen tragen auch höhere gesundheitliche Risiken. Wer Arbeitslosengeld II erhält, trägt ein um 84 Prozent höheres Risiko, mit einer Coronaerkrankung im Krankenhaus zu landen als der Durchschnitt. Das bestätigt eine Analyse der AOK Rheinland/Hamburg, die 1,3 Millionen Datensätze der Versicherten auswertete.

Auch Geringverdiener sind besonders gefährdet, denn sie können ihren Job oftmals nicht einfach im Homeoffice ausüben. Viele von ihnen haben systemrelevante Berufe, etwa im Supermarkt oder bei Lieferdiensten. Ein vollständiger Schutz vor Corona ist – trotz Hygieneregeln – nicht immer möglich. Das zeigen Infektionen in Supermärkten oder in einer Produktionsstätte von bei Amazon. Bei Amazon-Winsen ist es Angestellten sogar verboten, FFP2-Masken bei der Arbeit zu tragen.

Olaf Scholz fordert neue Impfstrategie: Mobile Impfteams zum Schutz der Bevölkerung

Der Kanzlerkandidat der SPD, Olaf Scholz, fordert im Hinblick auf die ungerechte Verteilung der Risiken in der Gesellschaft nun mobile Impfteams. „Niemand hat etwas davon, wenn die noblen Vororte durchgeimpft sind, aber die Pandemie in den sozialen Brennpunkten weiter grassiert“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Eine Aufhebung der Impfreihenfolge hält Scholz zum gegenwärtigen Zeitpunkt jedoch nicht für sinnvoll: „Solange der Impfstoff knapp ist, sollten wir [die Impfreihenfolge] auch beibehalten“, warnt er. Ansonsten riskiere man möglicherweise einen Verteilungskampf, der zum Vorteil der Besserverdiener ausgehen würde. Genau dies würde aber die soziale Spaltung weiter befeuern.

„Nicht das Vorhandensein von Ärzten im Freundes- oder Bekanntenkreis darf über die Vergabe von Impfterminen entscheiden, sondern einzig und allein die Priorität“, so Scholz weiter. Bundessozialminister Hubertus Heil (SPD) stimmte dem Vorschlag zu. Mit dem Einsatz von Impfbussen könne eine gesellschaftlich faire Balance beim Impfen erreicht werden, findet Heil. Auch Armin Laschet (CDU) und Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) befürworten die Idee. Eine hohe Inzidenz dürfe nicht von der Postleitzahl abhängen, sagte Laschet.

Im Video: In Bayern sind mobile Impfteams bereits ab Mai unterwegs, um Obdachlosen ein Impfangebot zu machen

Kommt bald das Ende der Impfreihenfolge? Jens Spahn kündigt Aufhebung im Juni an

Die Impfreihenfolge legte die Bundesregierung zusammen mit dem Deutschen Ethikrat fest. Gesundheitsminister Spahn rechnet allerdings damit, dass es bereits im Juni keine Impfreihenfolge mehr geben wird. Denn schon im Mai könne die Priorisierungsgruppe drei geimpft werden, danach stünde die Impfung allen zur Verfügung. Genügend Impfdosen vorausgesetzt, ist auch der Deutsche Ethikrat für ein Ende der Priorisierung ab Juni. „Je weniger knapp der Impfstoff, desto weniger Priorisierung ist nötig und gerechtfertigt“, sagte die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates Alena Buyx der Rheinischen Post.

Die ständige Impfkommission (STIKO) lehnt eine generelle Aufhebung der Priorisierung derzeit hingegen ab. Menschen mit höherem Risiko sollen demnach weiterhin zuerst geimpft werden.  „Die Impfzentren und mobilen Impfteams kümmern sich darum, die verbliebenen Menschen aus den Priorisierungsgruppen eins bis drei zu erreichen. Und die Haus- und Fachärzte können dann in der Breite impfen“, schlägt der Vorsitzende der STIKO Thomas Mertens im Gespräch mit der Tagesschau vor. 

Weitere Nachrichten zu Hartz IV: Die Bundesregierung brachte im Februar eine einmalige Hilfszahlung von 150 Euro für Hartz-IV-Empfänger auf den Weg. Doch das Sozialgericht Karlsruhe übt nun am geplanten Betrag deutliche Kritik.

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