Hebammen der Auto-Industrie

- Garching - Im Industriegebiet wird das ganze Jahr über Schlitten gefahren - im Auftrag der Fahrzeughersteller. Denn dort testet die TÜV Automotive GmbH Pkw-Tanks. Diese werden auf einen Schlitten montiert und gegen eine Wand gejagt - ein Unfall im Labor. Das ist nur ein kleiner Teil der Dienstleistungspalette: Die Ingenieure und Mechaniker der TÜV Automotive begleiten ein Fahrzeug von der Idee über den Prototypen bis zur Produktion - und zwar in allen Bereichen: bei Reifen, Rädern, Elektrik, Schläuchen, Motor, Antriebssträngen, Getrieben und Airbags. Die Experten sind quasi Hebammen für die Auto-Industrie.

Auf dem Gelände direkt neben der Prüfstelle werden Tausende von Kilometern abgespult - ohne voranzukommen. Diese Sisyphos-Arbeit verrichten die "Prüflinge". Der erste liegt in einer Kammer, nur durch ein Fenster einzusehen: ein Motor. Angeschlossen an unzählige Kabel fährt er eine Strecke ab. Ein Computer auf der anderen Seite des Fensters gibt die Richtung vor und speichert alle Werte. Gefahren wird vollautomatisch, rund um die Uhr.

Rudolf Meier schickt seine Testkandidaten ebenfalls auf virtuelles Gelände. Der Diplom-Ingenieur ist für Tanksysteme zuständig und kann in dieser Funktion Wetter machen: "Ein Tank muss alles aushalten. Deshalb simulieren wir in der Klimakammer Temperaturen wie in Skandinavien oder Wüstenhitze." Danach wartet eine Achterbahnfahrt auf den Tank: Konstruiert als Entertainment-Gerät für Freizeitparks, schüttelt der Sechs-Achsen-Prüfstand das Testobjekt kräftig durch - mit bis zu vierfacher Erdbeschleunigung. Zur Wahl stehen verschiedenste echte und erfundene Strecken, auch Kopfsteinpflaster. "Schwappt Kraftstoff raus? Sind die Ventile undicht? Dann fällt der Prüfling durch."

Vor 14 Jahren begann der TÜV Süd, Dienstleistungen für Hersteller und Zulieferer anzubieten - und zwar in den Bereichen Sicherheit, Umwelt und Technologie. Weil es oft um Prototypen geht, die erst in zwei bis drei Jahren auf den Markt kommen, unterliegen alle Mitarbeiter der Geheimhaltungspflicht.

Hersteller im Kampf gegen Rückrufaktionen

Eine Außenstelle der Automotive gibt es in Allach. Die dortige Geräuschmess-Strecke mit genormtem Asphaltbelag wird oft von unfreiwilligen Kunden besucht: Wegen erhöhter Lärmemission aus dem Verkehr gezogene Auto-, Motorrad- und Mofafahrer, die zum Beispiel testen lassen müssen, wie laut ihr knatternder Auspuff ist. Die Strafe richtet sich dann nach der Überschreitung.

Doch das Alltagsgeschäft ist ein anderes. Die Pneus werden zuerst im Reifentestzentrum an der Ridlerstraße in München auf Verschleiß und Sicherheit geprüft. Das 25 Jahre alte Institut ist das größte unabhängige dieser Art in Europa. In Allach müssen die Reifen dann zeigen, wie laut oder leise sie sind. Da spielt der Komfort der Fahrer eine Rolle, aber auch die Europäische Kommission: Diese will den Verkehrslärm in der EU bis 2020 halbieren. Um Sicherheit geht es bei Leitplanken-Anfahrtests auf dem Allacher Gelände.

Dass die Automotive mittlerweile alle Bereich abdeckt, hat mit dem Markt zu tun. Immer schneller werden neue Modelle gefordert. Die Prozesskette ist lang und komplex - weshalb Homologation, also die schlüsselfertige Dienstleistung, immer gefragter ist. Die Automotive ist hier Marktführer. Auch wegen einer erschreckenden Statistik setzen Hersteller und Zulieferer verstärkt auf unabhängige Hilfe: Die Anzahl von Rückrufen hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdreifacht. In Deutschland gibt es im Durchschnitt drei Rückrufaktionen pro Woche.

Eine der neuesten Dienstleistungen der GmbH ist die Begleitung von Weltrekorden. Mehrere Experten waren vor kurzem in Wolfsburg, um zu bestätigen, dass der neue Bugatti (1001 PS, 16 Zylinder, 406 km/h) das schnellste Serienauto der Welt ist - das bisher größte Baby der Hebammen.

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