Heinz Hermann Thiele gab die Fäden selten aus der Hand - und traf politische Größen wie Wladimir Putin
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Heinz Hermann Thiele gab die Fäden selten aus der Hand - und traf politische Größen wie Wladimir Putin.

Der letzte große Deal

Schwerreicher Lufthansa-Aktionär Thiele tot - Ein Unternehmer bis zum letzten Atemzug

  • Martin Prem
    vonMartin Prem
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Heinz Hermann Thiele rettete Knorr-Bremse und führte die Firma bis an die Weltspitze. Auch Lufthansa brachte er Geld - für Gewerkschaften war er jedoch ein Feindbild.

München – Mit Sicherheit war Heinz Hermann Thiele die plötzliche bundesweite Prominenz nicht besonders angenehm. Der Münchner Unternehmer und Mäzen hatte viel Geld in Aktienpakete der größten deutschen Fluggesellschaft gesteckt. Und nun stand er als der böse Milliardär da, der drauf und dran war, sich die Lufthansa zu schnappen. Doch wenig passt schlechter zu Heinz Hermann Thiele, als ihn über sein zweifellos beeindruckendes Vermögen zu definieren.

Als Unternehmer „bis zum letzten Atemzug“, bezeichnete sich der 79-jährige langjährige Großaktionär und Chef von Knorr-Bremse selbst, der am Dienstag überraschend im Kreis seiner Familie verstorben war. Nicht der Reichtum war sein Stolz, sondern die unternehmerische Leistung, auf die er zurückblicken konnte.

Thiele und die Lufthansa-Rettung: Gerne hätte er an der Sanierung aktiv mitgewirkt

Und so war auch sein Einstieg bei der Lufthansa zu verstehen. Er sah ein Unternehmen, das er von Reisen in die letzten Winkel seines weltweiten Firmenimperiums gut kannte. Ein Unternehmen in Schwierigkeiten, aber mit Potenzial. Zweifellos hätte er an der Sanierung sehr aktiv mitgewirkt, wäre nicht der Staat eingestiegen. Die Fluggesellschaft, die durch das faktische Reiseverbot durch Corona vor der Pleite stand, wurde so gerettet, was Thiele – eben noch größter Aktionär der Fluggesellschaft – faktisch entmachtete. Es war eine seiner seltenen Niederlagen.

Thiele haderte lange mit dem Staatseinstieg, den er dann am Ende doch billigen musste. Der Ruf nach dem starken Staat passt so gar nicht zu dem Mann, der in einer existenzbedrohlichen Lage das traditionsreiche Unternehmen Knorr-Bremse und damit auch die Verantwortung für das Schicksal tausender Mitarbeiter in seine Hände nahm und daraus einen beispiellosen unternehmerischen Erfolg formte.

Knorr-Bremse: Thiele nutzte die Chance zur Übernahme - „Hier stimmte gar nichts“

Heinz Hermann Thiele hatte nach dem Jura-Studium seine Karriere bei Knorr-Bremse als Sachbearbeiter in der Patentabteilung begonnen und war in den Vorstand des Familienunternehmens aufgestiegen, als 1985 der damalige Firmenerbe nichts sehnlicher wollte als verkaufen. Doch niemand wollte das Unternehmen haben. So stand der damals 44-Jährige vor der Entscheidung seines Lebens. Er schaffte es, die Banken zu überzeugen, ihm das für die Übernahme und Restrukturierung notwendige Geld zu leihen. Mit dem Begriff Sanierungsfall war der Hersteller von Eisenbahnbremsen noch zurückhaltend beschrieben. „Hier stimmte gar nichts“, schrieb Thiele später einmal.

Berater empfahlen ihm, das Kerngeschäft Bremsen aufzugeben. Thiele, der sich für technische Details begeistern konnte, tat genau das nicht und machte den Münchner Mittelständler zum Weltmarktführer für Eisenbahn- und Nutzfahrzeugbremsen. Es gibt von China bis Lateinamerika kaum ein Eisenbahn-Unternehmen auf der Welt, das auf die Technik aus München verzichten will.

Letztlich war Thieles Weg harte unternehmerische Kärrnerarbeit. So lässt sich auch erklären, dass es nicht immer einfach war, unter ihm zu arbeiten. Selbst als er sich 2007 aus dem operativen Geschäft in den Aufsichtsrat zurückzog, lief kaum eine Entscheidung an ihm vorbei. Es ist schwer, die Vorstände zu zählen, die ihren Posten aufgaben oder aufgeben mussten, weil sie letztlich Thieles Ansprüchen nicht genügten.

Heinz-Herrmann Thiele: Für die IG Metall war der Unternehmer eine Art Feindbild

Für die IG Metall war der Unternehmer, der seine 30.000 Mitarbeiter fürs gleiche Geld nicht 35, sondern 42 Stunden in der Woche arbeiten ließ, ein Feindbild. Doch selbst bei harscher Kritik von Gewerkschaftern schwang immer irgendwie auch der Unterton von Bewunderung für den Unternehmer mit, der nichts aus den Händen gab – außer vielleicht Geld, das er bereitwillig und aus Überzeugung für vielerlei gemeinnützige Zwecke zur Verfügung stellte.

Heinz Herrmann Thiele: Der Mehrheitseigentümer von Knorr-Bremse ist im Alter von 79 Jahren verstorben.

Er war als Unternehmer hartnäckig, man kann auch sagen stur. Er war hart – nicht nur zu sich selbst – und er konnte auch nachtragend sein. Doch letztlich gab der Erfolg ihm Recht. Auch wenn es für ihn wohl keine große Rolle spielte, einer der reichsten – wenn nicht der reichste – Münchner zu sein, ein Spiegelbild der unternehmerischen Lebensleistung sind die 20 Milliarden Dollar, auf die die Agentur Bloomberg Thieles Vermögen schätzte, doch.

Und die Härte, die ihn als Unternehmer auszeichnete, war eben nur eine Seite. Freunde beschreiben ihn als aufmerksamen und mitfühlenden Zuhörer. Auf die Todesnachricht stürzte der Aktienkurs von Knorr-Bremse ab. Ein Zeichen, dass Investoren das Unternehmen bei Heinz Hermann Thiele in guten Händen sahen. Er wird fehlen – nicht nur in der Zentrale und an den über 100 Knorr-Bremse- Standorten.

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