"Im Herbst droht ein neues Tief"

München - Der Chef der größten unabhängigen Vermögensverwaltung Deutschlands residiert nicht etwa im Zentrum des Bankenmekkas Frankfurt, sondern in Pullach, südlich von München. In direkter Nachbarschaft von Bundesnachrichtendienst und einem Großbiergarten betreut Jens Ehrhardt mit ein paar Dutzend Mitarbeitern Kundengelder in Milliardenhöhe.

Unsere Zeitung sprach mit dem promovierten Volkswirt über die jüngsten Kursstürze am Aktienmarkt und die richtige Anlagestrategie in mauen Zeiten.

-Herr Dr. Ehrhardt, viele Aktionäre sind nach dem Auf und Ab an der Börse seekrank. Die weitere Tendenz der Kurse kann kaum einer einschätzen. Können Sie Klarheit schaffen?

Ich glaube nicht, dass es auf absehbare Zeit wieder richtig hoch geht. Richtig runter gehen wird es aber wahrscheinlich auch nicht. Die Kurse sind schon stark gefallen, viele Aktien sind billig und zudem ist die Stimmung bereits so negativ, dass wohl der Boden erreicht ist und wieder eine leichte Erholung ansteht.

-Für wie lange?

Ich denke, dass wir im besten Fall eine kleine Sommerrally sehen werden, die den August über und vielleicht noch bis in den September hinein andauert. Kurzfristig müsste es ein Stück laufen, weswegen wir die Aktienquote wieder leicht erhöht haben. Im Herbst dürfte es dann aber nochmal ordentlich runter gehen.

-Warum?

Wir befürchten, dass sich die Konjunktur in den meisten Ländern ziemlich verschlechtern wird und das die Gewinnschätzungen der Unternehmen gefährdet. Das wird sich wohl im Herbst offenbaren.

-Erwarten Sie eine Rezession in Deutschland?

Bei uns kommt zur anhaltend schwachen Binnenkonjunktur der sich abschwächende Export. Deswegen fürchte ich, dass wir in Richtung Rezession steuern. Zumal weder monetär noch fiskalpolitisch gegengesteuert wird.

-Der Bundeswirtschaftsminister hat zuletzt ein Konjunkturprogramm angekündigt, das die Kanzlerin umgehend kassiert hat. Zu Unrecht?

Die Vorschläge waren meines Erachtens in Ordnung und nicht übertrieben. Ich könnte mir vorstellen, dass wir es in einem halben Jahr mit ganz anderen Programmen zu tun bekommen, wenn die Konjunktur schlechter wird.

-Ein monetärer Schub für die Wirtschaft - sprich: eine Zinssenkung - dürfte angesichts der hohen Teuerungsrate ausbleiben.

Wenn die Inflation wie derzeit den höchsten Stand seit 15 Jahren erreicht, wird die Europäische Zentralbank (EZB) nicht die Zinsen senken. Allerdings sollte EZB-Präsident Trichet nicht nur auf die Teuerung achten, sondern auch darauf, dass Länder wie Spanien nicht wegkippen. Dort fangen die Probleme am Immobilienmarkt, wie wir sie in den USA beobachten können, gerade erst an. Viele Hypothekenzinsen hängen am Geldmarktsatz. Steigt der wegen Zinserhöhungen, schmerzt das die Leute, zumal viele Spanier hoch verschuldet sind. Insofern muss die EZB den Leitzins bald senken. Ich glaube, dass es Anfang 2009 so weit sein wird.

-Und dann geht am Aktienmarkt die Post ab?

Niedrigere Zinsen sorgen für mehr Kredite, was den Unternehmen und deren Aktienkursen guttut. Wenn die Konjunktur aber schwächelt, könnte eine Zinssenkung verpuffen.

-Das heißt, die Stimmung an der Börse trübt sich vielleicht nachhaltig ein?

Das fürchte ich. Für deutsche Unternehmen ist besonders belastend, dass sich die Export-Aussichten verschlechtern. Nicht nur in den USA, auch in vielen Ländern Europas wie Frankreich lässt die Konjunktur nach. Zudem sind viele Konsumenten im Mittelmeerraum dermaßen verschuldet, dass sie die deutschen Waren gar nicht mehr aufnehmen können. Ein Spanier beispielsweise, der sein Haus nicht abzahlen kann, wird sich kaum ein deutsches Auto kaufen.

-Das klingt nach mauen Börsenzeiten. Welche Strategie empfehlen Sie Anlegern? Die aktuelle Kursstärke zum Abbau von Aktienpositionen nutzen?

Das ist nicht verkehrt.

-Gibt es auch Unternehmen und Branchen, die sich trotz der dunklen Wolken gut entwickeln könnten?

Es gibt im Dax oder M-Dax durchaus Gesellschaften, die billig sind und sich lohnen könnten. Selektiv macht es auch Sinn, in Rohstoffe zu investieren, zumal Aktien aus diesem Bereich nicht stark gestiegen sind. Ölwerte etwa sind dem Ölpreis kaum gefolgt. Auch Gold halte ich für interessant, weil das Angebot rückläufig ist. Aber nur auf Rohstoffe und Edelmetalle zu setzen, birgt natürlich Gefahren.

-Was ist mit dem viel gepriesenen Agrarsektor?

Das wird ein Boombereich bleiben. Die Agrarpreise tendieren unabhängig von der Konjunktur weiter nach oben, weil das Angebot knapp ist und die Nachfrage steigt. Die Weltbevölkerung wächst genauso wie der Wohlstand in China und Indien, womit der Fleischkonsum zunimmt und damit auch der Getreidebedarf. Auch Düngemittel sind interessant. Bei Kali beispielsweise dauert es Jahre, neue Werke aufzubauen. Da besteht ein Engpass, der die Preise hoch halten wird und damit die Gewinne der Hersteller.

-Bankaktien und Versicherungen scheinen verlockend günstig zu sein . . .

Die Frage ist, wie sich die Gewinne entwickeln werden. Und ich bezweifle sehr, dass wir schon alle Folgen der Finanzkrise gesehen haben. Deswegen: Vorsicht. Auch bei Autoherstellern sind die Aussichten derzeit nicht all zu gut, wie man bei Daimler und BMW sehen kann. Dann schon lieber Stahl, für den das nächste Jahr noch gut laufen könnte, bevor zusätzliche Kapazitäten womöglich die Preise senken. Auch Chemiewerte sind derzeit günstig.

-Der chinesische Aktienmarkt hat in den vergangenen Monaten ebenfalls Federn gelassen. Haben wir dort Schnäppchenpreise?

Im Großen und Ganzen nicht. Es kann auch in China noch weiter runter gehen.

-Gerade in Deutschland sind viele Gesellschaften derzeit vergleichsweise billig. Könnte das zu weiteren Übernahmen a là Conti/Schaeffler führen?

Der Übernahmeversuch von Continental durch Schaeffler könnte Schule machen. Es könnten noch mehr Unternehmen aufgekauft werden. Allerdings weniger von irgendwelchen wilden Heuschrecken, die derzeit alle kein Geld mehr haben, sondern von anderen Unternehmen aus der Branche. Die kennen ihre Wettbewerber seit Ewigkeiten und können am besten beurteilen, wie viel die wert sind.

-Was empfehlen Sie vorsichtigen Anlegern?

Schwierig. Renten sind momentan nicht das Wahre, wenn man sieht, dass die Inflationsrate in den USA mit fünf Prozent ein Prozent über dem Nominalzins einer zehnjährigen Staatsanleihe liegt. In Europa ist der Zins bei hoher Teuerung auch eher niedrig. Wenn Renten, dann würde ich nur Papiere mit einer Laufzeit von bis zu zwei Jahren wählen. Gerne auch welche von soliden Unternehmen, die bringen ein bisschen mehr ein.

-Die Kursstürze in diesem Jahr haben in vielen Depots tiefe Spuren hinterlassen. Können sich Kleinanleger damit trösten, dass es Experten wie Ihnen auch nicht besser ergangen ist?

Wir haben uns wacker geschlagen. Zur Jahresmitte hatten wir ein Minus von fünf Prozent, während der Dax 20 verlor.

Das Gespräch führten Georg Anastasiadis und Florian Ernst.

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