Werner Eichhorst vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA)

„Es herrscht eine Kultur des Misstrauens“

Dortmund – Kündigung wegen einem Fleischpflanzerl und zwei halben Semmeln. Über die Entwicklung am Arbeitsmarkt und die Diskussion um eine zunehmende soziale Kälte sprachen wir einem Experten.

Ein Fleischpflanzerl und zwei halbe Semmeln vom Firmen-Buffet, entwendet und gegessen von einer Sekretärin beim Buffet-Aufbau – das war ihrem Chef, der Hauptgeschäftsführer des Bauverbandes Westfalen, Hermann Schulte-Hiltrop, Grund genug, ihr eine fristlose Kündigung auszusprechen – nach 34 Jahren Betriebszugehörigkeit. Jetzt hat sich der 59-Jährige für seine „menschlich zu harte“ Reaktion öffentlich entschuldigt. Die Kündigung bleibt allerdings bestehen.

Hätte der Verbands-Chef Strafanzeige wegen Diebstahls gestellt, wäre das Verfahren vom Staatsanwalt wohl sofort wieder eingestellt worden. „Wegen Geringfügigkeit“, sagt der Stuttgarter Arbeitsrechtler Jobst-Hubertus Bauer. Er hält es auch für fraglich ob dieser Sachverhalt in Dortmund überhaupt ein Fall für eine Abmahnung ist. Die Fälle fristloser Kündigungen nach vermeintlichen Nichtigkeiten scheinen sich zu häufen: da gab es die Kassiererin, die einen Flaschenbon über 1,30 Euro unterschlagen haben soll oder den Bäcker, dem vorgeworfen worden war, eine kleine Menge Brotaufstrich entwendet zu haben. Ist das ein neuer Trend?

Über die Entwicklung am Arbeitsmarkt und die Diskussion um eine zunehmende soziale Kälte sprachen wir mit Werner Eichhorst, vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA):

Herr Eichhorst, erleben wir angesichts der diskutierten Kündigungsfälle eine neue Härte am Arbeitsmarkt?

Ja. Besonders unter Arbeitskräften im einfacheren Dienstleistungsbereich, die nicht besonders gut bezahlt sind und als austauschbar gelten, erleben wir einen wachsenden Druck. Hier macht sich die Kultur des Misstrauens breit.

Was ist der Grund?

Die Unternehmen stehen unter immensem Konkurrenzdruck. Diese Last wird nach unten weitergereicht und trifft die Schwächsten am härtesten. Am besten sieht man das im Einzelhandel, aber auch das Wach- und Schließgewerbe, die Reinigungsbranche oder die Gastronomie sind anfällig für rabiate Methoden. Arbeitgeber sind dann auch wenig zimperlich, Entlassungstatbestände zu konstruieren, um Personal loszuwerden.

Vor allem im Niedriglohnsektor.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass dieser negative Trend auch bei höher Qualifizierten vorkommt. Auch Manager sind schon über angebliche Bagatellen gestolpert. In einer insgesamt sehr schwierigen und stark auf Leistung, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit ausgerichteten Volkswirtschaft gibt es eben auch einen sehr starken Druck – zwischen den Kollegen und zwischen den Hierarchieebenen.

Hat die Wirtschaftskrise diesen Trend ausgelöst?

Nein, den Trend gab es bereits. Aber die Krise verschärft die Lage, weil der Druck wächst und das kann zu solch krassen Einzelfällen wie in Dortmund führen.

Ein Argument der Arbeitgeber ist das zu harte Kündigungsrecht, das es ihrer Meinung nach nahezu unmöglich macht, einem Mitarbeiter, der nicht ins Leistungsprofil passt, zu kündigen.

Die könnte man auch ohne diese konstruierten Gründe loswerden. Aber das ist teuer und geht nicht so schnell wie eine fristlose Kündigung. Der Kündigungsschutz ist hier nicht das Problem. Hauptsächlich sieht man an diesen Fällen, dass es um die Unternehmensführung nicht gut bestellt ist. Das ist schlicht ein schlechter Führungsstil, weil er nicht nur ungerecht, sondern auch nicht nachhaltig ist. So können zwar kurzfristig Kosten gesenkt werden, aber mittelfristig gehen Loyalität und Motivation verloren.

Prognosen zufolge wird sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt in den kommenden Monaten verschärfen. Wird der Umgang noch rauer?

Die Konkurrenzkämpfe und Erpressungsversuche seitens der Arbeitgeber werden zunehmen. Weil immer mehr Stellen gestrichen werden, mangelt es vielen Arbeitnehmern an Alternativen. Auf der anderen Seite werden wir aber eine verstärktes Werben um hoch qualifizierte Fachkräfte erleben. Die werden richtig verwöhnt.

Von Stefanie Backs

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