Das Herz des Großrechners hämmert in Erdinger Feuerzelle

- Erding - Das System arbeitet lautlos und 24 Stunden am Tag. Lichtblitze jagen in Glasfaserkabeln um den Globus und gelangen als elektrische Impulse zu Computern in weltweit 65 000 Reisebüros. Dort werden Flüge reserviert, Preise abgefragt, Mietautos und Hotelbetten gebucht - alle diese Anfragen (6000 in der Sekunde) verarbeitet das Computerreservierungssystem Amadeus. Der Knotenpunkt der Datenhighways liegt in Erding, im Amadeus-Rechenzentrum.

<P>Das Herzstück des futuristischen Baus sind drei so genannte Feuerzellen. Darin arbeiten Großrechner, die insgesamt 15 Milliarden Befehle in der Sekunde verarbeiten können. Das Herz pocht nicht, es tost wie eine E-Lok beim Einfahren in den Bahnhof. Die Großrechner erzeugen gewaltige Wärme und müssen entsprechend gekühlt werden. "Wir verbrauchen etwa so viel Strom wie eine Stadt mit 18 000 Einfamilienhäusern", erzählt Peter Leonhardt, leitender Angestellter im Rechenzentrum.</P><P>Amadeus ist ein europäisches Gemeinschaftsunternehmen, das 1987 von den Fluggesellschaften Iberia, Air France und Lufthansa gegründet wurde. Die Firmenzentrale liegt in Madrid, der Mittelpunkt der Datenverarbeitung in Erding, das größte zivile Rechenzentrum in Europa. Mit knapp 396 Millionen Buchungen im Jahr 2002 ist Amadeus der weltweite Marktführer unter den Computerreservierungssystemen.<BR><BR>Das Unternehmen wickelt Buchungen bei 470 Airlines, 63 000 Hotels und 48 Mietwagen-Firmen ab. Große Erwartungen knüpft Eberhard Haag, Geschäftsführer des Rechenzentrums, an ein neues Geschäftsfeld: die Übernahme der Datenverarbeitung von Fluggesellschaften. Seit vergangenem Jahr wickelt Amadeus alle Check-In-Vorgänge der British Airways und der Qantas ab.<BR>"Die Airlines haben da einen riesigen Fixkosten-Block." <BR><BR>Mit einer Gebühr pro Buchung biete Amadeus dagegen ein variables Abrechnungssystem, sagt Haag. Aus der dramatischen Marktsituation in der Luftfahrt hofft der IT-Dienstleister als Gewinner hervorzugehen. "Die Krise, in der die Airlines stecken, ist unser großer Vorteil." Der Kostendruck werde immer mehr Gesellschaften zur Auslagerung ihrer EDV zwingen. In fünf bis sechs Jahren soll Amadeus die komplette datenmäßige Passagier-Abwicklung von Iberia, Lufthansa und Air France übernehmen. <BR><BR>Nach einem anfangs rasanten und in den vergangenen Jahren abgeschwächten Mitarbeiterwachstum sind nun etwa 550 Menschen in Erding beschäftigt, sie kommen aus 35 verschiedenen Nationen. Daher ist Englisch die Arbeitssprache im Rechenzentrum. In neue Technologie werden in Erding jährlich 40 Millionen Euro investiert. <BR><BR>Dass das Amadeus-Rechenzentrum in Erding gebaut wurde, hat die Herzogstadt Franz Josef Strauß zu verdanken. Der damalige bayerische Ministerpräsident lieferte sich Mitte der 80er-Jahre einen Machtpoker mit seinem nordrhein-westfälischen Amtskollegen Johannes Rau. Beide Politiker waren Aufsichtsratsmitglieder der Lufthansa und kämpften um das Rechenzentrum, Rau wollte es in Köln haben. Letztlich, so berichtet Eberhard Haag, habe Strauß den Coup gelandet, indem er der Firma das 50 000 m2 große Grundstück kostenlos zur Verfügung gestellt habe, plus Steuervergünstigungen. "Heute sind wir der größte Gewerbesteuerzahler in Erding", erzählt Haag. Am Standort Erding will Amadeus festhalten. An ein Abwandern in IT-Billigländer wie Indien werde nicht einmal gedacht.</P>

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