Heuschrecken machen Chefs Druck

- München - Die Vorstände vieler Dax-Konzerne haben mit rauem Gegenwind zu kämpfen. "Der Druck nimmt zu, insbesondere auf die Vorstandschefs", sagt Walter Jochmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Personal-Beratungsfirma Kienbaum Management Consultants. Im Zeitalter der Globalisierung, des Engagements ausländischer Beteiligungsgesellschaften und Hedge-Fonds in Deutschland werden die Vorstandsvorsitzenden deutlich schneller als früher zur Disposition gestellt.

Derzeit stehen unter anderen Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke und der Tui-Vorstandsvorsitzende Michael Frenzel in der Kritik. Angesichts sinkender Marktanteile im Festnetz und einer Senkung der Prognosen war spekuliert worden, dass sich die Telekom von Ricke trennen könnte. "Es wird darauf ankommen, dass wir die Strategie jetzt entschlossen umsetzen. Dann wird sich dieses ganze Gerede schnell in Luft auflösen", sagte Ricke jetzt dem "Spiegel".

Wer es früher erst einmal bis an die Spitze geschafft hatte, brauchte sich um seinen Job im Netz der Deutschland AG nur wenig Sorgen zu machen. Doch die Verweildauer von Vorstandsvorsitzenden im Amt ist in den letzten Jahren in Deutschland deutlich gesunken. Derzeit bewege man sich sogar leicht unter dem internationalen Schnitt von knapp acht Jahren, sagt Jochmann. Es sei aber nichts Schlechtes, dass den Chefs genauer auf die Finger geschaut werde. Das Geld fließe international, daher würden bei den Unternehmen auch national Renditen erwartet, die auf dem Niveau ausländischer Konkurrenten liegen.

Manche Beobachter sehen die Entwicklung aber auch mit Sorge. Finanzinvestoren seien oft nicht am langfristigen Wohl des Unternehmens, sondern an der kurzfristigen Rendite interessiert, sagt Claus Goworr von der Unternehmens- und Personalberatung CGC. "Die Vorstände müssen sich anbiedern, um ihren Job zu behalten." Langfristige Strategien hätten da kaum noch eine Chance.

Bisher prominentester Fall war Werner Seifert. Der Ex-Chef der Deutschen Börse musste vor allem auf Druck von Hedge-Fonds die geplante Übernahme der London Stock Exchange absagen und schließlich seinen Hut nehmen. "Eine wenn auch wichtige Minderheit von Aktionären hatte ihren Willen gegen die Mehrheit von Aktionären sowie das Management durchgesetzt", schrieb er hinterher in seinem Buch "Invasion der Heuschrecken". Ihm seien nur zwei Möglichkeiten geblieben: "Mitspielen oder aussteigen. Ich hatte keine andere Wahl."

Mehr Transparenz und Kontrolle seien zu begrüßen und hilfreich für die Unternehmen, sagt ein anderer Dax-Chef. Bedenklich sei es allerdings, wenn Hedge- Fonds mit einem Anteil von zum Beispiel nur fünf Prozent versuchten, über öffentlichen Druck Entscheidungen in ihrem Sinne herbeizuführen. Auch wenn der Druck auf die Vorstandschefs gestiegen ist: Allen wird die schwieriger gewordene Lage mit viel Macht und einem ordentlichen Gehalt versüßt. Dafür muss man auch Risiken eingehen. So sah auch Seifert ein: "In einer solchen Position muss man immer damit rechnen, über Nacht aus dem Chefsessel katapultiert zu werden."

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