High-Tech in der Lederhose: Intelligente Kleidung im Trend

- Jacken mit GPS-Funktion oder T-Shirts mit integriertem MP3-Player sind keine Zukunftsmusik. Als "anziehbare Technologie" sollen sie die Textilindustrie um ein Wachstumssegment bereichern. Das Neueste zum Thema ist auf der Münchner Sportartikelmesse Ispo zu bestaunen, die am Sonntag für Fachbesucher ihre Pforten öffnete. Wir haben den Trends nachgespürt.

Regelmäßige Besucher der Ispo sind längst daran gewöhnt, dass Sport dort nicht mehr in jeder Halle eine dominierende Rolle spielt und Mode vielfach das bestimmende Element ist. Diesmal schlägt die Leitmesse der Sportartikler die Brücke zu einer weiteren, bislang weit entfernten Branche, verspricht Münchens Messechef Manfred Wutzlhofer. Er meint die Elektronikindustrie. "Wearable Technologies" (engl. tragbare Technologie) oder kurz WT lautet das neue Zauberwort, hinter dem sich Sportbekleidung verbirgt, in die Elektronik eingearbeitet ist. Hightech am Körper soll eine neue Ära der Modeindustrie einläuten.

Solarzellen an der Jacke laden die Akkus auf

Dessen ist sich nicht nur Wutzlhofer sicher. Er  verweist auf Produkte wie Jacken mit eingebauter GPS-Ortungsfunktion oder Handschuhe mit integriertem MP3-Player. Auch Christian Stammel schwärmt über die innovative Verknüpfung von Elektronik- und Textilindustrie. Er ist Vorstand der Ispo-Partnerfirma Navispace, die das Thema WT zur diesjährigen Messe auf die Bühne bringt. "Intelligente Kleidung ist keine Vision mehr", bekräftigt Stammel. Heute gebe es erste marktfähige Produkte. Morgen soll das neue Segment zum Renner werden.

Und so sieht die Gegenwart aus: Die Solarzellen an der Sportjacke am WT-Stand der Ispo sind kein Modeelement. Von ihnen führen Kabel im Stoff des Bekleidungsstücks zu eingearbeiteten Taschen für MP3-Player oder Handy, um beides durch Sonnenlicht mit Strom aufzuladen. Es gibt einen Rucksack mit integrierter Kamera, die beispielsweise Snowboarder ansprechen soll. "Die können dann beim Fahren ihre eigenen Filme drehen", sagt Stammel.

Mit GPS-Funktion in der Klamotte könnten Sportler die eigene Geschwindigkeit kontrollieren oder verunglückte Bergsteiger aufgespürt werden. In die Ärmel von Jacken eingearbeitete Tastaturen dienen der Bedienung von elektronischem Gerät, das sich anderswo in der Textilie wiederfindet.

Künftig soll WT aber noch mehr bieten, sagt Frank Salzgeber von der europäischen Raumfahrtagentur Esa, die ebenfalls auf der Ispo vertreten ist. Er ist Leiter des Esa- Bereichs Kommerzielle Entwicklungen. Dessen Aufgabe ist es, Raumfahrttechnik alltagstauglich zu machen. Ein Beispiel für einen solchen Weg vom All in den Alltag im Bereich Wearable Technologies seien Raumanzüge, erklärt Salzgeber. Daraus abgeleitet wurden im Technologie-Transferprogramm der Esa in einem ersten Schritt thermische Schutzanzüge für den Formel-1-Rennstall McLaren. In ihnen stecken 50 Meter Kunststoffkanülen mit zwei Millimeter Durchmesser, die ein Hochleistungskühlsystem bilden.

Auch Hersteller von Schutzbekleidung für Stahlarbeiter und Feuerwehrleute setzen inzwischen auf die Kühltechnik. Ein möglicher nächster Schritt sei es, die Technologie in der Wassersportindustrie bei Tauchanzügen oder sie in Motorradkleidung zur Kühlung einzusetzen, sagt Salzgeber. Ein Beispiel sei auch ein intelligenter Kinderschlafanzug, der Babys vor einem plötzlichen Kindstod bewahren soll. Der mit fünf Sensoren ausgestattete Schlafanzug zeichne Herzschlag sowie Atmung auf und schlage bei Unregelmaßigkeiten sofort Alarm. Für Sportler lasse sich das weiterentwickeln, um über ein Sensoren-Trikot Vitaldaten zur Optimierung des Trainings zu ermitteln.

"WT hat Potenzial für einen echten Massenmarkt", meint Stammel. In Euro sei das Volumen noch nicht abschätzbar, weil entsprechende Studien noch liefen und es erst vereinzelt Produkte gebe. Deutschen Firmen bescheinigt der WT-Experte eine Vorreiterrolle. Er nennt auf der Textilseite die Münchner Traditionsfirma Lodenfrey und bei den Elektronikintegratoren die Starnberger Interactive Wear, die dieses Segment europaweit zusammen mit der britischen Eleksen kontrolliere.

Wearable Technologie ist im hochpreisigen Segment angesiedelt, sagen viele Hersteller. Es soll aber kein Nischenprodukt exklusiv für Reiche sein. So kostet eine voll verkabelte Lederhose mit integrierten Bedienknöpfen und MP3-Player von Lodenfrey, die noch vor dem Oktoberfest zu haben sein soll, voraussichtlich unter 1000 Euro. Hightech-Jacken oder T-Shirts seien voll waschbar, verspricht die Branche zudem der Kundschaft.

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