Historischer US-Zinsschritt - Leichte Stabilisierung an den Börsen

Hamburg/Washington - Die US-Notenbank hat am Dienstag mit dem heftigsten Zinsschritt seit fast einem Vierteljahrhundert auf die Konjunkturrisiken für die weltweit größte Ökonomie reagiert. Die Lage an den internationalen Börsen stabilisierte sich daraufhin etwas, die Anleger blieben aber nach den erdrutschartigen Verlusten des Vortages weiter nervös. Der DAX schloss nach teils kräftigen Ausschlägen im Handelsverlauf fast auf Vortagesniveau.

Der Offenmarktausschuss der Fed senkte den Leitzins gleich um 0,75 Prozentpunkte auf 3,5 Prozent. Mit einem Zinsschritt von mindestens 0,50 Punkten war allgemein für den 30. Januar gerechnet worden. Die US-Währungshüter begründeten den Schritt mit schwächeren Aussichten für die Wirtschaft und zunehmenden Wachstumsrisiken. Außerdem wiesen sie auf die hartnäckige Finanzmarktkrise hin. Marktteilnehmer erwarten, dass die Währungshüter auf ihrer regulären Sitzung am 30. Januar eine weitere Absenkung um mindestens 0,25 Punkte beschließen.

Die US-Regierung erwartet keine Rezession in den USA. Man wisse zudem nichts darüber, dass das Paket zur Stimulierung der US-Wirtschaft höher als bisher erwartet ausfallen könnte, teilte das Weiße Haus in Washington mit. Das angebotene milliardenschwere Konjunkturprogramm über ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) stehe am Beginn der Verhandlungen. Das entspricht nach Regierungsangaben zwischen 140 und 150 Milliarden Dollar. Volkswirte hatten vermutet, dass es möglicherweise noch höher ausfallen könnte.

Ein Aktienhändler in Frankfurt sagte, die Zinssenkung der US-Notenbank zeige, wie dramatisch die Lage sei. In den ersten Handelsminuten war der DAX nach einem Vortagsverlust von gut 7 Prozent erneut um mehr als 5 Prozent abgerutscht, erholte sich aber nach der Entscheidung der Fed. Er schloss mit einem leichten Minus nahe dem Schlussstand des Vortags. "Wir erleben derzeit ein Wechselbad der Gefühle", sagte ein Händler.

Eine unverzügliche Reaktion der Europäischen Zentralbank (EZB) halten Marktbeobachter indes für unwahrscheinlich. "Der geldpolitische Kurs der EZB ist deutlich verhaltener als derjenige der US-Notenbank", sagte Notenbankexperte Michael Schubert von der Commerzbank. Gegen einen Zinsschritt spricht auch die aktuell relativ hohe Teuerung in der Eurozone.

Der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Jürgen Stark, schloss im Deutschlandfunk Zinssenkungen wie zuletzt auch EZB-Präsident Jean-Claude Trichet aus. Stark rechnet damit, dass die Korrektur an den Aktienmärkten noch eine Weile anhalten könnte. Ein Großteil der Hypotheken in den USA werde in diesem Jahr fällig und neu zu finanzieren sein. Negative Auswirkungen auf die Konjunktur in Deutschland und der Eurozone befürchte er nicht.

Auch die EU blieb im Hinblick auf ihre Wirtschaftsentwicklung zuversichtlich. In Europa drohe nicht - wie in den USA - eine Rezession, sagte der spanische Wirtschafts- und Finanzminister Pedro Solbes in Brüssel nach Beratungen mit seinen europäischen Amtskollegen. EU-Währungskommissar Joaquín Almunia sagte: "Wir dürfen nicht überreagieren."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht keine Gefahr einer wirtschaftlichen Talfahrt in Deutschland. "Es gibt keine Anzeichen für eine Rezession in Deutschland. Das muss man ganz deutlich sagen", betonte Merkel in einem Interview mit dem Sender NDR Info. Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) sagte dem Bonner "General-Anzeiger" (Mittwoch): "Es macht (...) keinen Sinn, jetzt nervös zu werden. Die ökonomischen Fundamentaldaten in Deutschland und in Europa sind nach wie vor gut."

Der EuroSTOXX 50 reduzierte am Dienstag seine Eröffnungsverluste von bis zu 4,7 Prozent im frühen Handel schnell und erreichte zuletzt ein Plus von 1,4 Prozent. Der europäische Leitindex hatte am Morgen noch den tiefsten Stand seit Juli 2006 verzeichnet. Der auch Schweizer und britische Werte umfassende STOXX 50 notierte am Abend mit einem Plus von zwei Prozent. Der Pariser CAC 40 drehte sogar ins Plus und lag zuletzt mit über zwei Prozent in der Gewinnzone. Der Londoner FTSE 100 verzeichnete ein Plus von fast drei Prozent.

In Asien hatte sich der Sturzflug der Aktien an den Börsen am Dienstagvormittag noch unvermindert fortgesetzt. Der indische Leitindex Sensex brach am Dienstag um mehr als zwölf Prozent ein und verzeichnete damit den größten Tagesverlust in der Geschichte der Börse in Bombay. Der Handel an der wichtigsten indischen Börse wurde vorübergehend ausgesetzt. Bei Handelsschluss lag der Sensex bei einem Minus von 4,97 Prozent. In Tokio schloss der Nikkei-225-Index um 5,65 Prozent schwächer. Der Shanghai-Index der wichtigsten Börse auf dem chinesischen Festland verlor bis Handelsschluss 7,22 Prozent.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Keine Machtübernahme von Hastor bei Grammer
Seit fünf Monaten machten Vorstand und Belegschaft des Autozulieferers Grammer Front gegen den unbeliebten Großaktionär Hastor. Jetzt fällte die Hauptversammlung eine …
Keine Machtübernahme von Hastor bei Grammer
Dax fehlt vorm Feiertag weiter der Schwung
Frankfurt/Main (dpa) - Trotz guter Konjunkturdaten aus Deutschland hat der Dax am Mittwoch etwas schwächer geschlossen. Mit einem kleinen Abschlag von 0,13 Prozent auf …
Dax fehlt vorm Feiertag weiter der Schwung
Komitee empfiehlt Opec-Förderlimit bis Frühjahr 2018
Es war ein historischer Schulterschluss: Die Opec hatte mit anderen wichtigen Förderländern eine Öl-Drosselung beschlossen. Die Vereinbarung soll nun wohl um neun Monate …
Komitee empfiehlt Opec-Förderlimit bis Frühjahr 2018
Linde und Praxair wollen "Zusammenschluss unter Gleichen"
Zu einem Weltkonzern will Linde-Aufsichtsratschef Reitzle sein Unternehmen machen und dafür mit dem Konkurrenten Praxair zusammengehen. Das ruft Gewerkschafter und …
Linde und Praxair wollen "Zusammenschluss unter Gleichen"

Kommentare