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Ilse Aigner im Iran - das Kopftuch darf sie bei diesem Gespräch mit dem iranischen Energieminister nicht absetzen.

Wettrennen um Milliardenmarkt

Trotz Sanktionen eröffnen die Bayern Büro in Teheran

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Teheran - Die Sanktionen sind noch nicht weg, schon sind die Unternehmer wieder da. Das Wettrennen um den Milliardenmarkt Iran läuft. Die Bayern eröffnen forsch gleich mal ein eigenes Büro in Teheran.

Hier hängen in jedem offiziellen Zimmer gerahmte Herren mit Bart. Nur im Raum der Bayern hängt was mit Mähne. Ein großer Löwe ziert die holzgetäfelte Wand des kleinen Zimmers in Teheran, und dazu weit und breit kein Ajatollah. Im gnadenlos strengen Iran ist das etwas frech. Aber ganz normal ist ja noch nicht mal die Existenz dieses Büros.

Mitten in Teheran haben die Bayern am Sonntag ihre Repräsentanz eröffnet, ein Büro der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) und des Bildungswerks. Ein paar Schreibtische nur für drei Mitarbeiter: Die Fläche ist klein, der Wille aber groß. Mit diesem Büro wollen die Bayern den Weg zurück auf den Milliardenmarkt Iran finden.

Es ist ein Drahtseilakt: Formal gelten die Sanktionen gegen das Land noch mit doppelter Wucht: Europäische Firmen dürfen wenig liefern, noch dazu drohen die Amerikaner jedem Unternehmen mit Strafen, das sich in der Islamischen Republik engagiert. Der größte Teil der Embargos dürfte, der Einigung im Atom-Deal sei Dank, Anfang 2016 fallen. Bis genau zu diesem Tag darf höchstens geflirtet werden, selbst Vorverträge sind tabu. Wer allerdings mit der Geschäftsanbahnung so lange wartet, dürfte zu spät kommen.

Weltweit hat ein Ansturm auf den Iran eingesetzt, ein streckenweise bizarres Hase-und-Igel-Spiel einander misstrauisch beäugender Wirtschaftsdelegationen im größten Luxushotel Teherans, dem „Parsian Azadi“. Sie buhlen um Aufträge und Partnerschaften. Jeder weiß: In wenigen Jahren will der Iran den Investitionsstau des Embargo-Jahrzehnts aufholen. Die Wirtschaft, 2012 noch mit sechs Prozent in der Rezession, soll um fünf Prozent wachsen. Die Inflation ist auf 15 Prozent gesunken. Also geben sich die Firmenvertreter, Politiker und Lobbyisten die Klinke in die Hand. Die Frage ist halt: Wessen Klinke? Je höher die Gesprächspartner, desto besser die Handels-Aussichten, ist die logische Faustformel.

Die Bayern, die gerade mit der größten Wirtschaftsdelegation der letzten Jahre überhaupt durch Teheran eilen, haben in typisch weißblauer Bescheidenheit gleich ganz oben bei Staatspräsident Hassan Rohani angefragt. Der Termin ist noch nicht bestätigt, aber Treffen mit den wichtigsten Ministern stehen. „Die Präsenz, die wir hier kriegen, ist sehr hoch“, frohlockt Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU), die bis Mittwoch die 100 Unternehmer anführt: „Wir sprechen hier nicht mit Frühstücksdirektoren.“

Ihr erstes Treffen am Sonntag beim Energieminister läuft gut. „Die Größe der Delegation ist ein Zeichen des Ernstes und des guten Willens“, lobt er, es bleibt nicht bei blumigen Formulierungen. Aigner hat eine Liste, welche Firmen auf welche Geschäfte hoffen, sie setzt dem Minister die Mittelständler direkt vor die Nase. Und er hat eine Liste, was er an Technologie braucht. Der Empfang ist herzlich, die Neugier auf die Bayern erheblich. Vor dem Sitzungssaal des Energieministers warten sechs Kamerateams anderthalb Stunden und studieren den Lebenslauf der „Minister Ilse“, wie einer raunt. Keiner gibt ihr die Hand hier, sie ist ja eine Frau, züchtig mit Kopftuch verhüllt, aber man verbeugt sich kurz huldvoll.

Jetzt schon ein Büro aufzumachen, auf die Idee sind zumindest andere Bundesländer nicht gekommen. Tenor: Man wird doch einfach schon mal unschuldig am Schreibtisch sitzen dürfen. Und vielleicht ein paar Tipps geben für bayerische Firmen, wie sie die besten Büros mieten, Partner finden, auf den Markt kommen können. Der Weg dorthin ist riskant, Diplomaten und Wirtschaftsvertreter raunen von sehr schwachen Banken und starken Bürokraten, dazu noch die Gefahr, dass es zu neuem Ärger im Atom-Streit kommt.

Die Bayern sind sich jedenfalls sehr sicher mit ihrer neuen Höhle der Löwen. „Hier schlummert ein Riesenpotenzial, wenn die Sanktionen aufhören“, sagt VBW-Chef Alfred Gaffal, greift zur Scheren und schneidet das weiß-blaue Band des neuen Büros symbolisch durch.

cd

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