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Ulrike Struzek (Mitte) hatte 160 000 Euro für ihre behinderte Tochter in HRE Aktien angelegt. Das vermeintlich sichere Geld ist nun zum Großteil weg. Die Mutter kämpfte vergeblich für die Chance, nicht nur bei Verlusten dabei zu sein.

Hypo Real Estate: „Ein Bankraub ohne Pistole“

München - Die Hypo Real Estate wird nun zur Staatsbank. Die verbliebenen freien Aktionäre wehrten sich verbissen, aber vergeblich gegen ihre Enteignung.

Auch die Hintergrundmusik kann den falschen Ton treffen: „Let’s come together in sweet Harmony“ erklingt, während die verbliebenen Aktionäre der Hypo Real Estate die strengen Sicherheitskontrollen auf dem Weg zu ihrer letzten Hauptversammlung über sich ergehen lassen. Denn nach Harmonie stand denen, die noch den Weg ins Münchner Messe-Kongresszentrum fanden, nicht der Sinn.

Dort würden, das wussten sie längst, ihre Forderungen und Anträge von der erdrückenden indirekten 90-Prozent-Aktien-Mehrheit des Bundesfinanzministeriums ebenso routinemäßig niedergebügelt wie die letzten Male auch – nur diesmal endgültig. Und dieses Verfahren wollten die bisherigen Anteilseigner, wenn sie es schon nicht verhindern konnten, wenigstens so schwer wie möglich machen. Damit war Zoff programmiert.

Die rund 10 Prozent sehen sich enteignet. 95 Prozent der Aktien braucht ein Hauptaktionär normalerweise für ein „Squeeze Out“ – das Herausdrängen der Minderheitsaktionäre. 90 Prozent reichen bei der HRE, um die Rest-Aktionäre vor die Tür zu setzen. Diese Quote hat sich der Bund selbst per Sondergesetz eingeräumt. Doch wehrten sich die Aktionäre verbissen. Nahezu alle haben weit mehr als die 1,30 Euro pro Aktie investiert, mit denen sie jetzt zwangsabgefunden werden. Für viele ist ihr mühsam erspartes Geld nun für immer verloren. „Wir wollen kein Almosen“ sagte Daniela Bergdolt von der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. „Wir wollen fair behandelt werden.“

Dabei hatte es immer den Anschein, dass Aufsichtsrat und Vorstand auf der einen und die Aktionäre auf der anderen Seite von grundverschiedenen Unternehmen sprachen: Von einem Pleitekandidaten die einen: So hat sich der Bund von Wirtschaftsprüfern bestätigen lassen, dass das Unternehmen selbst diese 1,30 Euro pro Aktie nicht wert ist, sondern eigentlich gar nichts Dies würde auch für Jahre so bleiben. Schließlich sei die HRE nur von staatlichen Hilfen am Leben gehalten worden, wie Vorstandschef Axel Wieandt betonte.

Das Bild von einem künftig wieder florierenden Finanzkonzern malten die anderen: Und da wären die bisherigen Aktionäre gern dabei, die dem Unternehmen nach all den Verlusten eine Kurserholung zutrauen. Davon würden sie nun, nachdem sie die Verluste getragen haben, ausgeschlossen. Der Staat habe für die Rettungsaktion noch keinen Cent ausgegeben, ist ihr Argument. Die Milliarden seien lediglich in Form von Garantien zur Verfügung gestellt worden, und selbst dies nur für horrende Gebühren. Es gebe keinen Grund für den Rauswurf.

Immerhin hätte der Staat auch die Commerzbank und die IKB gerettet, ohne die Aktionäre dabei hinauszuwerfen. Von einem „Bankraub ohne Pistole“, sprach Aktionär Ralph Nikolaus Zettler.

Die meisten hätten es gestern sogar noch geschluckt, dass sie ihre Aktien jetzt verlieren. Sie kämpften nur noch um ein verbrieftes Recht, beim bereits angekündigten erneuten Börsengang wieder bevorzugt dabei zu sein. Doch auch der kleine Finger, um den sie nun baten, wurde den enttäuschten Aktionären nicht gereicht.

Alles Wesentliche war längst entschieden. Streit bis hin zum Krawall entzündete sich aber um Formfragen. Ist ein Geschäftsordnungsantrag gestellt, wenn er am Antragstisch abgegeben wird? Das fanden Aktionäre. Oder gilt er erst, wenn er mündlich begründet worden ist? So bestimmte es Versammlungsleiter Bernd Thiemann, der solche Wortmeldungen aber gar nicht erst zuließ. Er handelte sich so den Antrag auf Absetzung ein, der aber erwartungsgemäß abgeschmettert wurde.

Das war auch kein Beitrag dazu, die Stimmung zu beruhigen. Nicht nur endlose Wortmeldungen und laute Zwischenrufe erschwerten dem Hauptaktionär und seinem Management den geplanten Durchmarsch, sondern am Ende auch noch Tumulte. Als ein zorniger Teilnehmer das Rednerpult nicht räumen wollte, ließ Thiemann ihn abführen. Ums Podium bildete sich daraufhin eine Traube aufgebrachter Aktionäre, die skandierten: „Thiemann raus.“

Ein letzter dramatischer Akt, doch nicht das Ende. Viele der – seit gestern – ehemaligen HRE-Eigner munitionierten sich auf ihrer letzten Hauptversammlung juristisch für eine Zugabe. Die meisten Sprecher machten bereits klar, dass sie gegen den Rauswurf klagen werden. Das Finale im HRE-Drama findet im Gerichtssaal statt.

Martin Prem

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